Rose-Marie Seelhorst
24. September 2002, Predigerseminar in Celle
„Seelsorge an psychisch Kranken – Begleitung der Angehörigen“

Es freut mich als Angehörige sehr, daß Sie sich entschlossen haben, sich mit dem Thema „psychisch Kranke und deren Angehörige“ auseinanderzusetzen.

Es gibt und gab immer Seelsorger, die ein besonderes Interesse an psychisch Kranken hatten und haben. Leider erleben wir Angehörigen das aber eher selten. Wahrscheinlich hängt die Scheu, sich mit diesen Kranken und ihren Angehörigen zu befassen mit der besonderen Problematik psychischer Erkrankung zusammen. Psychisch Kranke haben häufig ein gesteigertes Interesse an Religion, an Sinn-Fragen. Vor allem Psychose-Kranke können mit entsprechenden Fragen und Forderungen sehr bedrängen.

Das erleben auch wir Angehörigen. Man braucht schon einen festen eigenen Stand, um mit religiösem Fanatismus beispielsweise umzugehen. Besonders schwierig wird das für uns Angehörige, wenn noch Kinder und Heranwachsende in der Familie sind. So ging es mir.

Wenn Sie sich mit dem Thema Seelsorge bei psychisch Kranken und evtl. auch deren Angehörigen beschäftigen, ist es zwingend nötig, sich klar zu machen, daß psychisch krank nicht gleich psychisch krank ist. Es gibt nicht nur sehr unterschiedliche psychische Krankheiten mit unterschiedlichen therapeutischen Möglichkeiten sondern bei jeder Krankheit unterschiedliche Verläufe. Aber ob schwerer oder eher leichter Verlauf, jede psychische Krankheit wird von den meisten Betroffenen und deren Angehörigen als bestürzend erlebt.

Es ist gut, daß Sie sich während dieses Seminars die Probleme, die psychische Erkrankungen auslösen, aus unterschiedlicher Sicht beschreiben lassen:
Ein Psychiatrie-Erfahrener, also ein „Patient“, wie Sie es nannten, ein Therapeut, in unserem Jargon ein „Profi“ und ich die Angehörige. Der sogenannte Trialog eröffnet die Möglichkeit, die Probleme von mehreren Seiten zu beleuchten und so besser sichtbar zu machen.

Nun erst einmal zu mir. Wir, mein Mann und ich haben fünf Kinder. Drei der vier Söhne sind an einer Form der Schizophrenie erkrankt.

Im Jahr 1976 erkrankte der Zweitälteste, damals noch keine 16 Jahre alt. Er ging ins Gymnasium, mußte aber nach der Mittleren Reife aufgeben. Einige Jahre später erkrankte der Älteste, nachdem er mit Müh und Not seine Ausbildung zum Bankkaufmann beendet hatte und 1989 schließlich ein dritter Sohn, der
im 10. Semester Jura in Passau studierte. Alle drei gehören zu dem Kreis der chronisch Kranken.

Familien, die von schwerer psychischer Erkrankung betroffen sind, müssen sich zuerst einmal mit der Tatsache der Erkrankung auseinandersetzen und dann mit allen Problemen, die eine solche Krankheit aufwirft. Sie erleben selten Anteilnahme und Mitgefühl durch ihr gesellschaftliches Umfeld. Damit meine ich die weitere Familie, die Nachbarschaft, die Kollegen, Freunde und häufig auch die jeweilige Glaubensgemeinschaft. Auch wenn die Angehörigen vielleicht unbewußt am Zustand der Ausgrenzung aktiv beteiligt sind, weil sie sich vor den Fragen, die sie selbst nicht beantworten können und den möglichen Konsequenzen fürchten, muß doch gefragt werden, warum scheuen sich so viele Menschen, sich auf die Problematik „psychisch krank“ einzulassen.

Über alle anderen Krankheiten wird von den meisten Menschen viel und gern gesprochen. Da erhalten die Betroffenen Unterstützung durch Anteilnahme. Wenn es sich um eine schwere psychische Krankheit handelt, gefriert die Anteilnahme häufig. Ich habe erlebt, daß sich ein guter Bekannter für seine Frage nach dem Ergehen eines Sohnes regelrecht entschuldigte, als er erfuhr, woran er erkrankt war und wie schlecht es ihm geht.

Als sich meine Familie zum erstenmal mit der Diagnose „Schizophrenie“ auseinandersetzen mußte – ein Sohn war mit knapp 16 Jahren schwer erkrankt – beschlossen mein Mann und ich, jedem der sich nach unserem Jungen erkundigte zu sagen, was geschehen ist und empfahlen diese Strategie auch den vier Geschwistern, die damals alle noch zur Schule gingen.

Unsere Tochter, damals knapp 13 Jahre alt, meinte, wir hätten gut reden, könnten leichter so verfahren als sie. Wir hätten ja keine Ahnung, was sie in der Schule erleben würde, wenn sie auf die Frage nach der Krankheit des Bruders sagen würde, er leide an Schizophrenie und befinde sich im Landeskrankenhaus.

Sie hatte recht. Als der Sohn sich erholt hatte, wurde der Versuch unternommen, die Schule weiter zu besuchen. Er war durch das Krankheitserlebnis sehr verunsichert und benahm sich auffällig. Von einem Mitschüler hörte ich, daß die Klasse irgend eine Frage oder Antwort des Sohnes während des Unterrichts mit lautem  Gelächter unterbrach. Ich fragte meinen Sohn, wie er sich daraufhin verhalten habe. Er berichtete, daß er so getan hätte, als ob er mit den anderen lache, damit die Klasse nicht merkt, daß er weinte. Das war dann das Ende seiner Schullaufbahn.

Der Lehrer hat getan, als ob er nichts bemerke.

Jahre später, als ich bereits Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft der Angehörigen war, fragte ich schriftlich beim Direktor des Gymnasiums an, ob ich bei einer passenden Gelegenheit einmal über psychische Krankheit zu interessierten Lehrern und Schülern sprechen dürfe. Ich erhielt nicht einmal eine Antwort.

Ein paar Jahre später besuchte ich mit einer anderen Angehörigen zusammen den zuständigen Schulrat. Wir baten darum, daß Info-Material über psychische Krankheiten an Lehrer zusammengestellt und verteilt werden solle. Wir wurden freundlich abgewiesen. Die Lehrer hätten mit dem Problem Drogen und Aids genug zu tun.

Inzwischen hat sich da etwas geändert. Es gibt Schulpsychologen, die allerdings mit schweren psychischen Krankheiten auch meist überfordert sind.

Angehörige haben Fragen und erhalten selten Antwort.

Am Anfang steht immer die Frage nach der Art und Schwere der Krankheit; denn psychisch krank sein kann vieles bedeuten, beinhaltet eine ganze Palette von Krankheitsformen und geht es selbstverständlich um die verfügbaren Hilfen und Therapieangebote.

Wer ist für die Beantwortung der Fragen der Angehörigen zuständig?

Eigentlich niemand, wenn es sich um einen volljährigen Kranken handelt.

Deshalb kommt es nur dann zu einem Gespräch mit dem Arzt, wenn der Kranke damit einverstanden ist und auch nur im Beisein des Kranken.

Wenn so ein Gespräch überhaupt stattfindet, erfüllt es nicht immer die Bedürfnisse des Angehörigen. Wer neu „im Geschäft“ ist, sich vorher noch nicht mit dem Thema Psychiatrie auseinandergesetzt hat, kann in einem kurzen Arztgespräch nicht all das erfahren, was von jetzt an – evtl. auf lange Zeit - für die Unterstützung und Begleitung des Kranken wichtig zu wissen ist und, was wie selbstverständlich, nun von ihm verlangt wird.

Die meisten Kranken werden bekanntlich von ihren Angehörigen gepflegt. Das trifft auch auf psychisch Kranke zu.

Wie sieht es mit der professionellen Unterstützung aus? Die Mehrzahl der Angebote, die pflegende Angehörige nötig brauchen, gibt es nicht.

An keinem Ort in Niedersachsen gibt es einen rund um die Uhr verfügbaren psychiatrischen Kriseninterventionsdienst. Damit meine ich professionelle Hilfe im Haus, wenn höchste Not herrscht, die Situation zu eskalieren droht.

Nach dem Niedersächsischen Gesetz über Hilfen und Schutzmaßnahmen sind die Sozialpsychiatrischen Dienste verpflichtet zu helfen, wenn ihnen dringender Hilfebedarf bekannt wird. Aber wie jede Behörde sind sie nur zu bestimmten Zeiten erreichbar und außerdem findet sie nur ein erfahrener Angehöriger. Suchen Sie mal beispielsweise im Telefonbuch Cuxhaven nach dem Sozialpsychiatrischen Dienst. Sie werden ihn nicht finden, es sei denn, Sie wissen, daß Sie an einer ganz anderen Stelle nachfragen müssen.

An einigen Orten Niedersachsens – Hannover, Oldenburg und Braunschweig – gibt es jetzt nach intensivem Drängen der Angehörigen an den Wochendenden und Feiertagen nachmittags und am frühen Abend einen psychiatrischen Krisendienst. Was passiert aber, wenn die Hilfe nachts gebraucht wird?

Dann müssen Sie sich an den allgemeinen ärztlichen Notdienst wenden. Die Wahrscheinlichkeit, daß Sie dort einen Arzt erreichen, der etwas von Psychiatrie versteht, ist sehr gering. Wir haben schon hilflos wirkende Urologen und Dermatologen erlebt.

Die nächste Hilfe, die wir Angehörigen dringend brauchten, dauernd von den politisch Verantwortlichen fordern, aber immer noch nicht bekommen, ist die aufsuchende psychiatrische Krankenpflege.

Aufsuchende häusliche Krankenpflege gibt es für alle körperlich Kranken, nicht für psychisch Kranke. Obgleich der Bedarf in jahrelangen wissenschaftlich begleiteten und ausgewerteten Modellen in der Bundesrepublik belegt wurde, steht diese dringend nötige Form der Hilfe bis heute nicht im entsprechenden Gesetz, dem Sozialgesetzbuch V. Psychisch Kranke sind bis heute gegenüber somatisch Kranken benachteiligt.

Wenn ein psychisch Kranker nach einem viel zu kurzen Krankenhausaufenthalt nach Hause entlassen wird, ist er auf die Hilfe der Angehörigen angewiesen. Manch einer würde sich nichts zu essen kaufen, würde gar nicht aufstehen, würde seine Medikamente nicht nehmen. usw. usf. , wenn niemand da wäre, der ihm beisteht. Was wird ausden psychisch Kranken, die noch sehr hilfebedürftig aus dem Krankenhaus entlassen werden, aber keine Angehörigen, keine Freunde haben, die sich intensiv um kümmern?

Viele psychisch Kranke werden nach einem Krankenhausaufenthalt in einem Heim untergebracht, obgleich der Kranke wahrscheinlich nur vorübergehend Hilfe zu Hause brauchte.

Im Heim muß sich der Kranke völlig neuen Anforderungen anpassen. Für Essen und Trinken wird gesorgt. An die Stelle der alltäglichen Verrichtungen in der eigenen Wohnung treten die typischen Heim-Arbeitsangebote. Der Kranke verliert er sehr rasch an Selbstbewußtsein und Kompetenz, traut sich selbst kaum noch etwas zu und findet es irgendwann richtig, den Rest des Lebens im Heim zu verbringen.

Vielleicht fragen Sie in diesem Zusammenhang nach dem Betreuten Wohnen. Dieses Angebot ersetzt keine aufsuchende psychiatrische Krankenpflege, geht auf einen zeitlich langen und eher gleichmäßigen Hilfebedarf ein.

Nicht selten landet ein psychisch Kranker nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus auf der Straße. Unter den Obdachlosen gibt es nicht nur viele Süchtige sondern auch Psychosekranke. Es ist sehr schwer, von der Straße wieder zurück in eine eigene Wohnung zu finden. Eigentlich müßte niemand obdachlos sein. Wenn man sich aber mal die Wohnungen ansieht, die Kommunen für Obdachlose zur Verfügung stellen, versteht man, warum manch ein Obdachloser das Leben auf der Straße so einer Behausung vorzieht.

Psychisch Kranken beizustehen fällt auch den liebevollsten Angehörigen oft schwer. Es ist nicht leicht, sich täglich aufs Neue Wahnvorstellungen eines Schizophrenen anzuhören oder das andauernde traurige Jammern eines Despressiven zu ertragen oder auch nur das völlig unangepaßte Verhalten in der Öffentlichkeit zu begleiten, lautes Lachen oder Schimpfen oder die laute Auseinandersetzung mit Wahnvorstellungen. Dazu kommt sehr häufig das verwahrloste Aussehen des Kranken oder auch seine Unfähigkeit, sich auf das übliche Nähe und Distanz-Gehabe der Gesellschaft einzulassen.

Zu all diesen psychischen und nervlichen Belastungen kommen finanzielle Probleme. Obgleich der Kranke vielleicht einen ganz gesunden Eindruck auf Nichtbetroffene macht, ist er nur sehr bedingt arbeitsfähig. Die Auseinandersetzung mit den Krankheitssymptomen kostet viele psychisch Kranke so viel Kraft, daß sie nicht mehr voll arbeitsfähig sind. Manche brauchten Teilzeitarbeitsplätze mit einem geeigneten Umfeld. Niemand kann z. B. der Ehefrau und Mutter von mehreren Kindern die Frage beantworten, ob und wann ihr psychisch kranker Mann nach dem Krankenhaus wieder voll arbeiten kann. Es muß abgewartet werden und probiert.
Weil kaum geeignete Arbeitsplätze angeboten werden, sind schwer psychisch Kranke fast immer arbeitslos.

Häufig haben Kranke im Zusammenhang mit ihrer Erkrankung Schulden gemacht. Das ist besonders häufig bei Menschen, die an einer Manie erkrankt sind. Aber auch andere psychisch Kranke haben oft Probleme, mit Geld gewissenhaft umzugehen. Meine Söhne neigen dazu, in einer beginnenden Psychose, Geld zu verschenken. Die Begünstigten nehmen es meist gern an, auch wenn sie wissen, was es mit dieser Schenkung auf sich hat. Da machen Wohlfahrtsverbände und Kirche keine Ausnahme.

Zur Zeit sieht die Lebenssituation meiner kranken Söhne so aus: Der Sohn, der zuerst erkrankte, ist am schwersten getroffen, vielleicht, weil er bei Krankheitsausbruch noch so jung war. Er kann kein Geld verdienen, schafft aber mit gelegentlicher Hilfe das Wohnen in der eigenen Wohnung. Da er bei Krankheitsausbruch noch zur Schule ging, konnte er sich keinen Rentenanspruch verdienen. Wir sorgen für ihn. Wahrscheinlich wird er zu den Behinderten gehören, die ab 1. Januar Anspruch auf eine bedarfsorientierte Grundsicherung haben. Sein älterer Bruder, der eine Lehre als Bankkaufmann gemacht hat, bekommt eine Erwerbsunfähigkeitsrente. Der Sohn, der als letzter erkrankte, schafft es auf einem von uns gesuchten und vom Land geförderten Arbeitsplatz vier Stunden täglich zu arbeiten. Der Verdienst reicht nicht für den Lebensunterhalt und die Miete. Wir helfen ihm, so gut wir können.

Damals, als unsere Familie zum erstenmal mit der Diagnose „Schizophrenie“ konfrontiert wurde, war die einzige Information über die Krankheit und mögliche Therapie ein im Eiltempo vorgetragener Bericht durch die aufnehmende Ärztin im Landeskrankenhaus und ein niederschmetternder Bericht im Brockhaus.

Im Jahr 1985, zehn Jahre, nachdem unsere Familie zum erstenmal mit dem Thema Psychiatrie konfrontiert worden war, gründete ich zusammen mit dem damaligen evangelischen Seelsorger des Landeskrankenhauses die dortige Angehörigengruppe. Unser Ziel war es, sich gegenseitig durch Anteilnahme zu stärken und für einen Informationsfluß zu den wichtigsten Fragen zu sorgen. Das gelingt – glaube ich – bis heute.

Zwei Jahre später, im Jahr 1987,  gründeten wir Angehörigen aus Niedersachsen und Bremen „die Arbeitsgemeinschaft der Angehörigen psychisch Kranker in Niedersachsen und Bremen“. Ich wurde Vorsitzende. Wir haben unsere eigene Geschäftsstelle in Hannover, von wo aus wir versuchen zu helfen.

Wichtigstes Ziel war und ist die Gleichstellung psychisch Kranker mit körperlich Kranken, die bis heute nicht erreicht ist.

Wir helfen beim Aufbau von örtlichen Gesprächskreisen, versenden Informationen und organisieren Informationsveranstaltungen.

Einige besonders engagierte Angehörigen bieten an fünf Vormittagen der Woche einen Telefondienst an, an den sich alle Interessenten wenden können.

Heute hat die Arbeitsgemeinschaft der Angehörigen über 900 Mitglieder. Es gibt über 60 Angehörigengruppen in Niedersachsen und Bremen.

Unsere Mitglieder sind einzelne Angehörige psychisch Kranker, Psychiatrie-Erfahrene, Mitarbeiter aus dem Psychiatrie-Bereich und vor allem die erwähnten Angehörigengruppen.

Mitglieder unserer Arbeitsgemeinschaft arbeiten in zahlreichen Fachgremien der Psychiatrie mit, und zwar auf allen Ebenen, auf der kommunalen, im Land und auf der Bundesebene. Zum Schluß noch: Wir sind selbstverständlich Mitglied des Bundesverbandes der Angehörigen psychisch Kranker e.V.

So und nun stehe Ihnen gern zu Fragen zur Verfügung. Sie können mich aber auch in Zukunft gern in Hannover anrufen.