Rose-Marie Seelhorst
Bonn Bad Godesberg, 22. November 2000

Kongress AKTION PSYCHISCH KRANKE
25 Jahre Psychiatrie-Enquête ­ Gemeindepsychiatrischer Alltag
Die Last der Angehörigen ?

Sehr geehrte Damen und Herren,
Einige von Ihnen werden sich vielleicht noch an mich erinnern. Im November 1998 hatte ich die Gelegenheit, zu Ihnen über “Qualität und Steuerung in der regionalen psychiatrischen Versorgung” zu sprechen. Ich bin seit ca. 25 Jahren betroffene Mutter ­ genau läßt sich das bei psychischen Erkrankungen nicht sagen ­ und seit etwa 15 Jahren intensiv in der Selbsthilfe der Angehörigen tätig.

Zweifellos hat sich das Gesicht der Psychiatrie in Deutschland seit der Veröffentlichung der Psychiatrie-Enquête verändert. Ich erinnere mich noch an die großen Schlafsäle im Landeskrankenhaus Wunstorf und die hohen Mauern um das Gelände. Ich erinnere mich aber auch an die Umbruchstimmung unter den Ärzten, vor allem den damals noch jungen, wo eine große Bereitschaft herrschte, sich einzusetzen, etwas zu unternehmen, die psychiatrische Versorgung zu verbessern.

Was geschah? Nach und nach wurden die psychiatrischen Krankenhäuser saniert  Die Räume und sanitären Einrichtungen befinden sich heute auf einem ähnlichen Niveau, wie wir sie in Krankenhäusern für somatisch Erkrankte finden.

Es wurde eine Trennung zwischen Behandlungs- und Pflegefall vollzogen. Es kam vor, daß Patienten, die als Pflegefälle eingestuft worden waren, gleich stationsweise in Pflegeeinrichtungen verlegt wurden. Dadurch wurde die Distanz zum Arzt vergrößert und rehabilitativ wurde und wird auch heute nur selten mit den Heimbewohnern gearbeitet. 

Die Verweildauer der Patienten im psychiatrischen Krankenhaus wurde und wird noch immer weiter verkürzt. Die Folge: Der Hilfebedarf psychisch Kranker ist nach der Entlassung aus stationärer Behandlung heute größer denn je. Die Akutstationen sind häufig überfüllt, so daß Kranke im Flur liegen.

Unruhe auf der Station wirkt sich auf das Klima aus, auf die Höhe der Medikamentengaben und auf die Zeit für Gespräche, Gespräche mit den Patienten und deren Angehörige.
Trotz aller Veränderungen erfüllt das psychiatrische Krankenhaus nur selten seine Hauptaufgabe, den Patienten zu beruhigen und die Betroffenen, das sind die Patienten und die Angehörigen, ausreichend über die Krankheit und die Therapie zu informieren. Wenn es während der stationären Behandlung kaum Zeit für Gespräche mit den Angehörigen gab, zum Entlassungsgespräch müßten sie nun dringend geladen werden; denn jetzt erhebt sich die Frage, ob die im Krankenhaus begonnene Behandlung zu Hause fortgesetzt werden kann. Die Mühe und der Aufwand einer stationären Behandlung sollten sich doch lohnen!

Wenn man sieht, wieviel niedergelassene Psychiater es heute gibt, so könnte man versucht sein zu glauben, daß überall im Lande ausreichend für die medizinische Versorgung  unserer psychisch Kranken gesorgt ist.

Das ist leider nicht der Fall, weil es in Ballungsgebieten häufig sehr viele niedergelassene Psychiater gibt und auf dem flachen Land meist sehr wenige. Zusätzlich gibt es das Problem, daß nur ein Teil ­ und zwar ein kleiner Teil ­ der niedergelassenen Psychiater psychisch Schwerkranke, insbesondere solche, die an einer Form der Schizophrenie erkrankt sind, behandelt.

Diese Kranken brauchen Leistungen, die dem niedergelassenen Psychiater entweder nicht ausreichend honoriert werden, die Sorge um das Budget verursachen oder gar nicht verfügbar sind: Viel Zeit für Gespräche, evtl. teure Medikamente und aufsuchende Hilfe.

Inzwischen ist die Stimmung bei den niedergelassenen Ärzten auf einem so niedrigen Stand angelangt, daß sie sich nicht mehr scheuen, bisher erbrachte, dringend nötige Leistungen aufzukündigen. In der Stadt Hannover werden sie sich ab Januar 2001 nicht mehr an dem mühsam zustande gebrachten nervenärztlichen Hintergrunddienst beteiligen, weil sie die Honorierung für nicht ausreichend erachten. Das ist ein schmerzhafter Schritt rückwärts.

Die psychisch Kranken und ihre Angehörigen waren froh, daß sie ­ wenn auch auf sehr mühsamen Weg ­ im Krisenfall einen Psychiater erreichen konnten, der ins Haus kam. Nun werden die PsychKG-Einweisungen wieder zunehmen, weil der Notarzt, der im seltensten Fall Psychiater ist, im Krisenfall lieber eine Einweisung einleiten wird, als sich auf die Beteuerungen des Kranken, nun bestünde keine Gefahr mehr, zu verlassen. Vielleicht wäre es einem kompetenten Psychiater in der gleichen Situation gelungen, den Patienten zu beruhigen, ihn zu überzeugen, einen niedergelassenen Psychiater aufzusuchen oder ­ wenn das denn nötig ist ­ sich freiwillig in stationäre Behandlung zu begeben. Das wäre für die Therapie auf jeden Fall sehr förderlich.

Neulich suchte ich in unserer Geschäftsstelle in Hannover nach einer alten Unterlage und bekam dabei zufällig meinen ersten Brief als Vorsitzende unserer Arbeitsgemeinschaft der Angehörigen psychisch Kranker in Niedersachsen und Bremen an den damaligen niedersächsischen Sozialminister in die Hand. Ich schrieb sinngemäß, daß niemand den Angehörigen die Aufgabe abnehmen könne, sich mit der Tatsache auseinander zu setzen und abzufinden, daß ein Familienmitglied, etwa ein heranwachsendes, Kind psychisch erkrankt sei, vielleicht wegen einer paranoiden Psychose behandelt werden müsse. Aber, schrieb ich damals, ich hielte es für unerträglich und auf keinen Fall hinnehmbar, daß psychisch Kranke somatisch Kranken gegenüber benachteiligt würden und es an den nötigsten Hilfen fehle.
Der Minister antwortete, daß auch er die Situation bedauere und unsere Arbeitsgemeinschaft gern mit einer Finanzierungshilfe unterstütze.

Es hat sich leider bis heute nichts Grundsätzliches an meinen damals vorgetragenen Überlegungen geändert. Psychisch Kranke werden bis heute somatisch Kranken gegenüber benachteiligt.

Es gibt drei große Themenbereiche in der Psychiatrie, die eng miteinander zusammenhängen, so eng, daß Veränderungen auf einem der drei Problemfelder Auswirkungen auf die beiden anderen haben:
1.         Die unglaubliche Diskriminierung, die psychisch Kranke durch die Gesellschaft
           erfahren.
2.         Die fehlende Gleichstellung mit somatisch Kranken, die nur auf Grund der
           Diskriminierung möglich ist, und zu schweren Versorgungsmängeln führt.
3.         Die systematische Verarmung psychisch Kranker, die sie durch Abhängigkeit
           von Sozialhilfeträgern erfahren.

Wenn psychisch Kranke ungenügend medizinisch behandelt werden und dazu noch bettelarm sind, werden in den meisten Fällen alle Bemühungen um eine Integration in die Gesellschaft scheitern.
 
Solange die Diskriminierung psychisch Kranker bis in die relevanten Gesetze hineinreicht, geht es uns Angehörigen mit der Reform-Psychiatrie schlecht.

Bis heute werden psychisch Kranke gegenüber somatisch Kranken benachteiligt. Das zeigt sich bei den Krankenkassenleistungen, den Leistungen nach dem Pflegegesetz und an vielen anderen Stellen, an denen es darauf ankommt, die besonderen Bedürfnisse psychisch Kranker zu kennen und zu berücksichtigen.

Wir Angehörigen sind enttäuscht, daß Psychiatrie-Politik, jedenfalls auf der Bundesebene, ohne Einbeziehung von Vertretern der Psychiatrie-Erfahrenen und der Angehörigen gemacht wird, obgleich es für beide Gruppen ständig stärker werdende Selbsthilfeorganisationen gibt.

Unsere Gesellschaft hat an den psychisch Kranken noch viel gutzumachen. Weder die Psychiatrie-Erfahrenen noch wir Angehörigen haben auf Entschädigung für

erlittene Verbrechen während der Nazizeit geklagt. Vielleicht war das ein Fehler. Vielleicht wären wir hinsichtlich der Gleichstellung psychisch Kranker mit somatisch Kranken ein Stück weiter, wenn die Allgemeinheit veranlaßt würde, sich mit der Psychiatrie im Dritten Reich auseinanderzusetzen .

Unter Diskriminierung leiden wir alle, die wir mit Psychiatrie zu tun haben. In Hannovers Schauspielhaus wird “Irre”, ein Schauspiel nach einem Roman von Rainald Goetz aufgeführt. Rainald Goetz hat in dem Roman seine Erfahrungen als junger Psychiater in einem Psychiatrischen Krankenhaus aufgearbeitet. Das Stück will zeigen, wie Ronald Goetz die psychiatrische Station erlebt hat. Patienten und Ärzte tauschen die Rollen. Es ist zum Heulen. Das Publikum lacht, über die Kranken, über die Ärzte.

Begleitend zu den Aufführungen wird das Schauspielhaus Hannover mehrere Aktionstage durchführen mit Vorträgen und künstlerischen Darbietungen von psychisch Kranken. Höhepunkt wird am späten Abend des 25. November eine Podiumsdiskussion mit geladenen Teilnehmern sein, die den Titel trägt “Wahnsinn wozu ­ Zur Abschaffung des Krankheitsbegriffes”.

Wir Angehörigen psychisch Kranker sind ebenso wie andere Psychiatrie-Vereine aus Hannover eingeladen, am 25. 11. einen Stand aufzubauen, um interessierten Besuchern  einen Einblick in unsere Arbeit zu geben. Wir haben die Einladung mit Bedauern abgelehnt, weil wir der Überzeugung sind, daß allein der Titel der Podiumsdiskussion mehr Schaden anrichten wird, als durch Gespräche mit Repräsentanten von Pschiatrie-Vereinen wieder aufzufangen ist.

Wir setzen uns dafür ein, daß psychisch Kranke mit somatisch Kranken gleichgestellt werden. Wir finden es unerhört, ahnungslosen und nicht betroffenen Bürgern reichlich Gelegenheit zu geben, über Psychiater und psychisch Kranke zu spotten.

In meiner Familie mit mehreren psychisch Kranken erlebe ich immer wieder, daß es sehr unterschiedlich aufgenommen wird, wer sich einen Spaß mit Ausdrücken wie “irre” oder “schizophren” erlaubt, ein Gesunder oder ein selbst Erkrankter. Auch Ausdrücke wie “Klapse” sollten Gesunde nicht verwenden. Ich denke, wir, die Angehörigen, und Sie, die Profis, sollten uns in dieser Hinsicht mehr kontrollieren. Wir sollten uns davor hüten, Ausdrücke, die häufig der Diffamierung dienen, salonfähig machen zu wollen.

Wir Angehörigen in Niedersachsen und Bremen haben uns in den vergangenen zwei Jahren intensiv mit dem Thema “Wo und durch wen findet Diskriminierung psychisch Kranker statt?” auseinandergesetzt. Nicht nur Umfragen in Niedersachsen und Bremen sondern auch in anderen Bundesländern haben ergeben, daß sich Angehörige besonders häufig durch Mitarbeiter in psychiatrischen Einrichtungen gekränkt und beleidigt fühlen. Das beginnt mit der mangelhaften Gesprächsbereitschaft einer Reihe von Psychiatern, die auf keinen Fall mit Ausreden wie “Verschwiegenheitspflicht” zu erklären ist und setzt sich häufig im respektlosen Auftreten von Mitarbeitern von Vereinen fort. Auch die Beziehung zwischen Angehörigen und gesetzlichen Betreuern ist oft so schlecht, daß die Interessen des Kranken erheblich beschädigt werden.

Das Ansehen in der Gesellschaft hängt davon ab, was jemand leistet. Wer wenig leistet, gilt wenig. Gesunde Kinder zu haben, die sich in der Schule und später im Beruf gut machen, gilt auch als Leistungsbeweis für gute und fähige Eltern. Erwachsene Kinder zu haben, die ganz gesund aussehen, aber nichts leisten, gar noch von Sozialhilfe leben, das gilt als Schande.

Angehörige von psychisch Kranken leben häufig hinter einer Wand von Furcht vor Entdeckung und Diffamierung durch die nichtbetroffenen Nachbarn und ferner stehenden Familienmitglieder.

Wer nicht weiß, wie schwer das Leben für einen psychisch Kranken und seine nächsten Angehörigen ist, und sich einfach durch die Konfrontation mit psychischem Leiden gestört fühlt, kann leicht über einen Mitbürger sagen “der gehört in die Anstalt”. Lernt man den Betroffenen kennen und erfährt, was er und seine Familie durchgemacht hat, und wie froh alle sind, daß jetzt z. B. ein Leben in der eigenen Wohnung trainiert werden soll, wird u. U. anders reagieren.

Information tut Not. Vor allem für die nichtbetroffenen Bürger. Es wird eine Menge in der Psychiatrie gesprochen, auch im sogenannten Trialog, aber, wenn es darauf ankommt, wird dann häufig doch über den Kopf der Angehörigen hinweg entschieden. Laden wir Angehörigen uns Profis zu einem Vortrag in den Gesprächskreis ein, heißt es meist von Seiten des Referenten “Sie, die Angehörigen, sind die Experten!”, im täglichen Leben erfahren die Angehörigen dann nicht selten, daß ihre Meinung wenig gilt, daß ­ so kommt es uns dann zuweilen vor - nach Profi-Interessen entschieden wird. Ich habe den Eindruck, daß es auch in der Psychiatrie offenbar nicht ohne eine Hackordnung geht. Die Angehörigen, die den Kranken besonders gut kennen und häufig die größte Last zu tragen haben, stehen dabei an letzter Stelle.  

Beispiel: Nach jahrelangem Aufenthalt in einer betreuten Wohngruppe zieht eine psychisch Kranke mit ihrem ebenfalls psychisch kranken Freund in eine eigene Wohnung. Es geht beiden meistens gut. Beide haben Arbeit. Damit der Übergang zur größeren Selbständigkeit ohne Desaster verläuft, kümmert sich in der Folgezeit eine Mitarbeiterin des Vereins, der vor Ort das Betreute Wohnen anbietet, um die beiden Kranken. Sie tut das, indem sie sich mit den Kranken in einem nahen Café trifft.  Eine ganze Weile geht das ganz gut. Dann erzählt mir die Mutter, die nicht am gleichen Ort wohnt,  von chaotischen Zuständen in der Wohnung der Kranken. Sie spricht mit der Betreuerin. Diese lehnt es ab, einen Fuß in die Wohnung der Kranken zu setzen. Es fallen Vokabeln wie “Grenzüberschreitung”, etc. Die Mutter wird einfach nicht ernst genommen. Schließlich beschwert sich die Mutter beim zuständigen SpD über die Mitarbeiterin des Vereins. Man schaut sich die Wohnung an. Man ist entsetzt.

Warum wurde der Mutter nicht geglaubt? Warum werden Kranke, die selbständig leben, nicht routinemäßig besucht?

Die betroffene junge Frau arbeitet in einer Behindertenwerkstatt. Dort war durchaus aufgefallen, daß sie in letzter Zeit häufig fehlte oder viel zu spät zur Arbeit kam. Statt mit dem Verlust des Arbeitsplatzes zu drohen, hätte ein Mitarbeiter mal einen Hausbesuch machen sollen.

Vielleicht hätte der Mitarbeiter aus der WfB, wenn er sich auf den Weg gemacht hätte, und die Kranken in ihrer Wohnung aufgesucht hätte, die Unterbringung in einem Heim empfohlen.

Tatsächlich konnte die Krise aufgefangen werden, indem alle Beteiligten sich darüber klar wurden, daß praktische Hilfe, Stichwort “Entrümpeln” und schlichtes Putzen nötig war. Wen wundert’s, daß die beiden Kranken in einer aufgeräumten, übersichtlichen und sauberen Wohnung viel stabiler wirkten. Niemand dachte mehr an Heimunterbringung.

Manchmal genügen solche alltäglichen Hilfen. Manchmal ist mehr nötig.
Solange es nicht die nötigen aufsuchenden Hilfen gibt, ist das Zusammenleben mit psychisch Kranken in der Tat häufig eine Zumutung für die übrigen Hausbewohner.

Deshalb fordern wir Angehörigen vor allem aufsuchende Hilfe. Dabei kann es sich um eine Grund-Reinigung der Wohnung ­ wie eben geschildert­ oder um eine Krisenintervention in der Nacht oder um Behandlungspflege nach dem SGB V, usw. usf. handeln.

Die Folge vom Fehlen dieser nötigen Hilfen führt zu Diskriminierung seitens der Nichtbetroffenen und Tabuisierung seitens der Angehörigen nach dem Motto “Hoffentlich hat keiner etwas gemerkt”.

Es gibt also einen direkten Zusammenhang zwischen dem Mangel an geeigneter Hilfe und Diskriminierung und Tabuisierung. Es gibt aber auch den Zusammenhang zwischen Diskriminierung und Armut.

Solange die nötigen Hilfen, die psychisch Kranke in bestimmten Situationen brauchen, nicht über die Krankenkassen finanziert werden ­  vor allem ambulante psychiatrische Krankenpflege ­ werden ähnliche, wenn auch nie gleichwertige Hilfen über das BSHG angeboten. Ohne die effektive Gleichstellung psychisch Kranker mit somatisch Kranken kommen wir nicht weiter. Die Diskriminierung durch den Gesetzgeber verhindert dringend anstehende Entwicklungen in den Angeboten und führt zwingend zur Verarmung des Kranken.

Aber, wird vielleicht gefragt, es gibt doch vor allem in Ballungsgebieten eine wachsende Zahl von Angeboten für psychisch Kranke. Weshalb genügt es denn nicht, einfach überall Betreutes Wohnen, Tagesstätten oder Behindertenwerkstätten anzubieten. Meine Antwort, weil diese Angebote eher selten von Schwerkranken genutzt werden.
 
Dabei könnten die meisten Schwerkranken recht unauffällig in eigenen Wohnungen oder selbst gewählten ­gemeinschaften leben, wenn sie im Bedarfsfall aufsuchende Hilfe bekämen. 

Aber wie geht es denn nun mit der ambulanten  psychiatrischen Pflege weiter, die bisher nur in Modellregionen für einen kleinen Kreis begünstigter Kranker angeboten wird? Was wird aus der Soziotherapie? Sollen jüngere psychisch Kranke weiterhin auf Leistungen aus dem SGB XI verzichten, weil ihr Hilfebedarf einfach nicht in die Schablone der Begutachtungsrichtlinien paßt?

Gegenwärtig ist es in manchen Regionen so, daß eine Gruppe sozial anpassungsfähiger Kranker eine Menge ­ evtl. recht überflüssiger ­ Zuwendungen bekommt, Betreutes Wohnen, Tagesstätte, gesetzliche Betreuung. Andere, die als schwierig gelten, bekommen allenfalls in Abständen ihre Depotspritze Haldol.

Angehörigen, die sich um psychisch schwerkranke Familienmitglieder in der eigenen Wohnung kümmern, ist es angst und bange bei der Vorstellung, wer nach ihrem Tod für den Kranken in kritischen Zeiten sorgen soll. Der behandelnde Arzt rührt sich ­ so meine Erfahrung ­ nicht. Der gesetzliche Betreuer weiß womöglich gar nicht, wie es um den Kranken steht.

Besonders groß ist die Angst der Angehörigen, die mit dem Kranken zusammen leben. Hinzu kommt, daß das Zusammenleben mit einem psychisch Kranken sehr anstrengend ist. Im Grunde geht man sich furchtbar auf die Nerven. Der Kranke den Gesunden und die Gesunden dem Kranken. Aber wie soll eine Veränderung möglich sein, wenn alle Beteiligten wissen, wie wenig echte Hilfe von professioneller Stelle in Krisen geleistet wird?

Obgleich das enge Zusammenleben im Elternhaus weder für den Kranken noch für die betroffenen Angehörigen eine sinnvolle Dauerlösung darstellt, ist es die gebräuchlichste Form der Versorgung psychisch Kranker. Für die Betroffenen, die Kranken und die Angehörigen ist diese Lösung der Versorgung selten eine gute, für die nicht betroffene Gesellschaft immerhin eine billige.

Wen wundert es, daß auf dem Boden der Vernachlässigung der Bedürfnisse psychisch Schwerkranker der Heimbereich weiter boomt. Selten werden die Kranken in ihrer eigenen Heimatregion untergebracht, häufiger dort, wo gerade ein Platz angeboten wird. Mit Gemeinde-Psychiatrie hat das nichts mehr zu tun. Eine Enthospitalisierung findet nicht statt, weil die für Langzeithospitalisierte erforderlichen ambulanten Angebote nicht vorhanden sind.

Es ist kein Zeichen von Herzlosigkeit, wenn alt gewordene Eltern sich damit einverstanden erklären, daß ihr psychisch kranker Sohn oder Tochter in einem Heim untergebracht wird. Es ist vielmehr die Folge von jahrelanger Überforderung.

Familiäre Verbundenheit ist gerade für Kranke und Behinderte etwas sehr Wertvolles, sie zu überstrapazieren, nenne ich ein Unglück. Gerade psychisch Kranke brauchen ihr Familienangehörigen, damit es überhaupt noch jemand gibt, der ihnen entspannt zuhört und sich ein lebenslanges Interesse an ihrem Wohlergehen bewahrt.

Psychisch Kranke sollten in der Wohnform leben, die sie für sich bevorzugt hätten, wenn sie nicht krank geworden wären, nämlich allein, mit einem Partner oder mit Freunden. Wie soll das aber unter den gegebenen Umständen möglich sein? Das Betreute Wohnen stellt nicht die gewünschte Lösung dar, weil der gelegentliche Besuch eines Profis in Krisen nicht genügt und zwischendurch überflüssig ist.  Außerdem ist es auch eine sehr teure Hilfe. Darüber kann die Tatsache, daß es kaum Selbstzahler beim Betreuten Wohnen gibt, nicht hinweg täuschen.

Zu all den psychischen und körperlichen Belastungen bei der Begleitung eines psychisch Kranken kommen die großen finanziellen Sorgen. Diese sind besonders groß, wenn der Betroffene so früh im Leben erkrankte, daß er sich noch keinen Anspruch auf Erwerbsunfähigkeits-Rente erarbeiten konnte. Diese Kranken ­ und das ist ein sehr großer Teil ­ sind auf Sozialhilfe angewiesen. Das ist nicht nur für den Kranken sondern auch für seine Eltern hart, die sich an den Kosten bis zur eigenen Armutsgrenze beteiligen müssen.

Das Thema “finanzielle Absicherung” spielt deshalb eine so große Rolle, weil Armut von den Betroffenen zusätzlich zu der Belastung durch die Krankheit auch noch starke Einschränkungen verlangt, verhindert, daß sie sich dort sozial wieder einfädeln, wo sie durch die Erkrankung herausgefallen sind. 

Auf Sozialhilfe angewiesen zu sein, schränkt die Lust auf eine Tätigkeit, die mit den verbliebenen Kräften zu leisten wäre, erheblich ein, weil alle Entgelte auf die Sozialhilfe angerechnet werden. Das mag bei dem größten Teil von Sozialhilfeempfängern durchaus richtig und angemessen sein. Für psychisch Kranke ist es das nicht. Ich finde es kraß ungerecht, daß zu der Bürde einer frühen Erkrankung auch noch die Einschränkungen kommen, die bekanntlich mit dem Empfang von Hilfe zum Lebensunterhalt verbunden sind.

Deshalb sollten wir alle uns dafür einsetzen, daß Kranke und Behinderte, die sich keinen eigenen Rentenanspruch erarbeiten konnten, eine Grundrente bekommen.

Als sich die ersten Schwierigkeiten in meiner Familie mit einem später erkrankenden Sohn zeigten, riet mir eine Therapeutin, nicht einfach die wachsende Bürde auf mich zu nehmen sondern zu sagen, was mir zu viel ist.

Wir Angehörigen sagen seit Jahren, welche Unterstützung wir brauchen, ohne sie zu bekommen. Ich kann für mich nicht sagen, daß dieses wiederholte Anfordern dringend nötiger Hilfe zu einem Gefühl der Erleichterung führt.

Wir wissen rein theoretisch, daß jeder Teilnehmer dieser Veranstaltung seinen eigenen Blickwinkel auf die Entwicklung der psychiatrischen Versorgung hat, und wie schwer es fällt, sich einmal in die Lage des anderen zu versetzen. Aber genau diese Fähigkeit müssen wir trainieren.

Ich habe mich mit meinen Darstellungen intensiv darum bemüht, mich ganz auf den Blickwinkel der Angehörigen zu konzentrieren. Das ist nicht so einfach, wie Sie vielleicht denken, weil ich so viel, so intensiven und so guten Kontakt zu Profis habe, daß ich immer wieder versucht bin, mir deren Standpunkt anzueignen.

Es darf uns nicht zuerst um “Bestandsschutz” gehen. Wir müssen uns kritisch mit dem Geschaffenen auseinandersetzen und uns auf die Not der Schwerkranken konzentrieren. Die sogenannten schwierigen Patienten, die bisher wenig oder gar nicht erreicht wurden, müssen mit den geeigneten Angeboten umworben werden. 
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!