Die Bewältigung von Krisen/Die Angehörigenselbsthilfe ein wichtiger Baustein im psychiatrischen Hilfesystem

Mitgliederkonferenz am 19.09.2009 - Protokoll

Mitgliederkonferenz der Arbeitsgemeinschaft der Angehörigen psychisch Kranker in Niedersachsen und Bremen (AANB) e.V.

Tagungsort: Asklepios Fachklinikum Göttingen (ehemals Landeskrankenhaus),
Rosdorfer Weg 70, 37081 Göttingen
Zeit: Samstag, 19.9.2009 von 11.00 - 14.00 Uhr
Teilnehmer: Angehörigengruppen aus Hannover, Bremen, Oldenburg, Göttingen
Teilnehmerzahl: 32 /+ 1 Seelsorgerin (nach der Pause)

Moderation: Frau Loeser (Angehörigengruppe Göttingen)
Protokoll: Herr Böckmann/Frau Grothey

1. Begrüßung und Einführung in das Thema durch Frau Rose-Marie Seelhorst, Vorsitzende der AANB

2. Thema - Die Bewältigung von Krisen/Die Angehörigenselbsthilfe ein wichtiger Baustein im psychiatrischen Hilfesystem

Frau Seelhorst
- teilt mit, dass Herr Dr. Süße, Leiter der Sozialpsychiatrischen Dienste der Region Hannover sie darum gebeten habe, einen Bericht über die Bewältigung psychiatrischer Krisen in betroffenen Familien der Region Hannover zu erstellen. Entsprechend gestellte Fragen schickte sie an 620 Adressaten. Ergebnisse der Umfrage sind:

- psychiatrische Krisen sind für die Familien etwas anderes als für die Fachwelt

- Not der Angehörigen durch fehlende Information, Kooperation und Entlastung seitens der Professionellen

- fehlende Krankheitseinsicht und Kooperationsfähigkeit wird immer wieder benannt, auch der Verweis auf die Gesetzeslage

- Hilfebedarf nach dem Krankenhausaufenthalt

- niedergelassene Psychiater fragen zu wenig nach den Erfahrungen der Angehörigen im Zusammenleben mit dem Betroffenen (Medikamente, Schlafbedürfnis, Gewichtszunahme)

- die Angehörigenselbsthilfe wird ausschließlich als positiv angesehen, auch der Sozialpsychiatrische Dienst wird als hilfreich gesehen.

Sie berichtet, dass die Angehörigenselbsthilfe oft als einzige Hilfe angesehen wird und weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass eine regelmäßige Teilnahme an einer Gruppe Entlastung bringt. Sie stellt die Frage nach einer ‚Plakatierung’ in der Stadt, um auf die Selbsthilfe aufmerksam zu machen, in den Raum. ‚Kärtchen’, die sich Interessierte einstecken können, haben sich als hilfreich erwiesen.

Frau Loeser dankt Frau Seelhorst für den aufschlußreichen Bericht und bestätigt, dass die Göttinger Gruppe gleiche Erfahrungen gemacht hat. Einladung zur Diskussion.

3. Diskussion: Hilfebedarf des Kranken – Hilfebedarf der Angehörigen

Unter den Angehörigen wird erörtert:

- dass Psychiatrie-Erfahrene zum Ausdruck bringen, dass sie keine Empathie erfahren,

- dass nicht darauf geschaut wird, ob das jeweilige Behandlungskonzept individuell auf den Betroffenen abgestimmt ist,

- dass nach der Krankenhaus-Entlassung kein Abschlussgespräch mit den Angehörigen stattfindet,

- dass nicht auf die Erfahrungen der Angehörigen eingegangen wird,

- dass die Betroffenen den Kontakt zu den behandelnden Ärzten abblocken.

Frage: Was kann man als Angehöriger tun?

In der Diskussion wird darauf hingewiesen, dass sowohl Betroffene als auch Angehörige sich an den Sozialpsychiatrischen Dienst – auch im Beschwerdefall - wenden können. Dieser muß der Angelegenheit nachgehen. Einem gesetzlichen Betreuer z.B. muß Auskunft gegeben werden.

Des weiteren wird darüber geklagt, dass Profis erst bei akuter Gefahr einschreiten, immer erst warten, bis etwas passiert und nicht auf die Erfahrungen der Angehörigen zurückgreifen, oft sich hinter ihrer Schweigepflicht verstecken. Insgesamt fehlt Hilfe für Angehörige.

Frau Loeser gibt die Anregung, dass Ärzte in die Gruppe eingeladen werden können, da ein gegenseitiger Austausch wichtig ist. Die Göttinger Selbsthilfe-Gruppe bekommt auf Anfrage Unterstützung von Prof. Falkai, Uni-Psychiatrie.

Frau Seelhorst plädiert dafür, sich nicht nur in einer Arbeitsgruppe zusammenzufinden, sondern in mehreren (Landesverband, Bundesverband), um ein Stück weiterzukommen.

Frau Loeser weist als Hilfestellung auf den Trialog in den Psychose-Seminaren hin, die in Göttingen jährlich stattfinden.

12.25 - 13.00 Uhr Pause

(Wechsel des Protokollführers)

Nach der Pause berichtet die Seelsorgerin der Asklepios-Klinik, Frau Wiese, über dasThema Patientenführsprecherin

An der Klinik sind vier Seelsorger tätig (drei evangelisch, einer katholisch). Sie sind unabhängig von der Klinik. Ein Qualifizierungsverfahren an der Klinik erfordert eine Person als Patientenführsprecher/-führsprecherin. Gegenüber dieser Person darf die Klinik nicht weisungsbefugt sein. Da die Seelsorger ihrer Landeskirche, bzw. dem Bistum zugeordnet sind, ist die Unabhängigkeit gewährleistet. Frau Wiese hat dieses Amt übernommen. Sie ist für Patienten und Angehörige zuständig. Seelsorger unterliegen grundsätzlich der Schweigepflicht.Das Amt der Patientenführsprecherin wird ehrenamtlich ausgeübt. In Niedersachsen gibt es dazu, im Gegensatz zu anderen Bundesländern, keine gesetzliche Grundlage. Zusätzlich gibt es von Seiten der Klinik ein Beschwerdemanagement.

Welche Unterstützung kann die Gruppe leisten?

Frau Seelhorst möchte in dem Bericht an den Leiter der Sozialspychiatrischen Dienste der Region Hannover auch Verbesserungsvorschläge machen.

Sie sieht eine schmerzliche Lücke im Versorgungssystem:

- zu Hause erkrankte Familienangehörige bekommen keine Hilfe

- es gibt keine Behandlung gegen den Willen des Familienmitgliedes

- der Rest der Familie (Eltern, Geschwister, Mitbewohner) leidet stark unter solchen solchen Bedingungen.

Vorschläge aus dem Plenum zur Milderung der Situation für die Angehörigen:

- Gespräche mit Dritten, Andere hinzuziehen,

- Verantwortung an andere abgeben (ist aber kaum eine Möglichkeit),

- eine Einrichtung wie bei der Kurzzeitpflege für erkrankte ältere Menschen,

- regelmäßige Gespräche mit Beratungsstellen,

- Sprechpartner auch aus anderen Bereichen suchen, ein Spektrum von Anlaufstellen einbinden,

- Gegenseitig anrufen, was aber schwierig ist, weil wegen der Anwesenheit des Kranken nicht frei gesprochen werden kann.

Häufig geht es nicht gut, die direkte Last anderer mitzutragen.

Der Vorschlag, in Oldenburg einen Beratungsstützpunkt bei der Polizei anzusiedeln, wurde nicht verwirklicht.

Frau Seelhorst vertritt die Ansicht, dass vierwöchentliche Treffen von Angehörigengruppen zu wenig ist.

Welche Hilfe erwarten Sie von der Arbeitsgemeinschaft?

Frau Seelhorst berichtet, dass die Arbeitsgemeinschaft von montags bis freitags immer erreichbar ist.

Durch eine Anrufweiterschaltung wird das gewährleistet.

Geduldiges Zuhören ist bei den Anrufen das Wichtigste. Auch mehrfaches Erzählen der selben Sache ist möglich.

Am Schluss der Veranstaltung um 14.00 Uhr geht der Dank an Frau Seelhorst und Frau Loeser.