Anforderungen an die ambulante psychiatrische Versorgung

Rose-Marie Seelhorst, Loccum, 2. Februar 2009

Statement zum Thema

Gesellschaftliche Ablehnung und ihre direkten Auswirkungen auf die Versorgung psychisch Kranker

Sehr geehrte Damen und Herren,

nach wie vor werden psychisch Kranke in unserer Gesellschaft diskriminiert.

Diese Tatsache erschwert nicht nur das Kranksein sondern auch das Helfen. Das ist ein Problem, das uns alle bedrückt, ob wir nun selbst erkrankt sind, Angehöriger oder professionell in der Psychiatrie Arbeitender sind. Angst vor Verleumdung und Ausgrenzung hindert Menschen daran, sich rechtzeitig, also früher als bisher um Hilfe zu kümmern.

Täglich erleben die Mitglieder der Telefonbereitschaft der Arbeitsgemeinschaft der Angehörigen psychisch Kranker, dass ein Angehöriger nach einem Gesprächskreis für Angehörige fragt. Wenn wir dann aufzählen, wohin sie sich wenden können, wählt der Anrufer durchaus nicht immer das räumlich nächste Angebot. Die Sorge, erkannt zu werden, lässt manche Angehörige lange Wege zur Selbsthilfegruppe in Kauf nehmen. Anrufer wollen anonym bleiben, ihren Namen nicht nennen oder behaupten für Dritte den Kontakt zu suchen.

Nach wie vor kommen die meisten neuen Angehörigen nur ein- höchstens zweimal in die Gruppe. Viele von ihnen wollen unerkannt bleiben und kommen nicht wieder oder erst dann, wenn die Bürde der Probleme sie fast erdrückt. Das Internet bietet Informationen aber keine menschliche Nähe. Diese wäre häufig sehr nötig, wird aber aus Angst vor zusätzlichen Problemen gescheut.

Das Thema „Diskriminierung psychisch Kranker“ erschwert alle Überlegungen bei den Bemühungen, die Lücken in der ambulanten Behandlung psychisch Kranker zu schließen. Deshalb habe ich dieses Problem an den Anfang meines Statement gesetzt. Uns allen muß klar sein, dass eine gute und ausreichende Behandlung psychisch Kranker auch von der Teilnahme der Öffentlichkeit abhängt.

Alle Überlegungen zur Früherkennung und Frühbehandlung psychisch Kranker bleiben Planspiele, wenn die Schwelle zum Psychiater nicht gesenkt wird.

Vielen betroffenen Menschen ist nicht klar, dass der Arzt über eine ganze Palette von Hilfen für psychisch Kranke verfügt. Er kann nicht nur Medikamente verschreiben.

Aber bleiben wir einmal beim Arzt. Hier gibt es viel zu verbessern.

Bei einem Neukontakt muß der Arzt erst einmal damit beginnen, den Patient kennen zu lernen. Der Patient erwartet schnelle Hilfe. Für ihn stellt dieser Arztbesuch wahrscheinlich etwas ganz Aufregendes dar. Deshalb befindet er sich in einer Ausnahmesituation. Er wirkt sicher anders als im Alltag zu Hause.

Hilfreich könnte jetzt der ergänzende Bericht eines begleitenden Angehörigen sein. Einige – wenige – Psychiater begrüßen es, wenn ihr Patient von einem Angehörigen begleitet wird. Viele drücken eher ihr Befremden, ihre Missbilligung aus. Die Einbeziehung eines Angehörigen müsste – wenn nicht erhebliche Bedenken oder der ausdrückliche wiederholt geäußerte Wunsch des Patienten dagegen spricht – eine Selbstverständlichkeit für den behandelnden Arzt sein; ist sie aber durchaus nicht immer.

Was wird mit einem Patient, der keine sorgenden Angehörigen in der Nähe hat zum Beispiel nach der Entlassung aus stationärer Behandlung?

Immer wieder werden psychisch kranke Menschen direkt vom Krankenhaus in ein Heim verlegt, weil sie zu hilfebedürftig sind, um allein in ihrer Wohnung zurecht zu kommen. Das ist in den meisten Fällen nicht mehr nötig, weil es inzwischen - jedenfalls in Niedersachsen und Bremen – aufsuchende psychiatrische Krankenpflege gibt. Es war ein weiter Weg von der Benennung des Bedarfs über die Gesetzgebung und die Ausarbeitung entsprechender Richtlinien durch die verantwortlichen Gremien bis Pflegedienste beginnen konnten, psychisch kranke Menschen in deren Wohnungen zu helfen. Noch haben wir kein flächendeckendes Angebot. Aber wir sind – so denke ich – auf dem Weg dorthin. Der Arzt muß diese Form der Hilfe verschreiben.

Während einer stationären Behandlung werden die meisten Patienten gedrängt, sich an einem Angebot der Ergotherapie zu beteiligen. Vielen Kranken tut das gut.

Nach der Entlassung aus dem Krankenhaus wird durchaus nicht allen Kranken, die es nötig hätten, Ergotherapie vom Arzt verschrieben. Das ist schade und teilweise auch unverständlich, denn selbst wenn der Kranke nach der Entlassung aus stationärer Behandlung noch gar nicht in der Lage ist, eine ergotherapeutische Praxis aufzusuchen, könnte ihm eine solche Maßnahme verschrieben werden. Ergotherapeuten können ins Haus kommen. Dort sind sie u. U. sehr nötig und hilfreich.

Die Ärzte sollten viel häufiger psychisch Kranken – auch in akuten Phasen – Ergotherapie verordnen. Allerdings sollte der Arzt nicht warten, bis der Kranke danach fragt, sondern von sich aus eine Verordnung vornehmen. Nicht allen Kranken ist klar, dass sie Anspruch auf die Hilfe haben und die Angehörigen sind selten bei den Arztbesuchen dabei.

Auch psychisch schwer kranke Menschen haben häufig einen großen Bedarf an Mitteilung und Zuwendung, nicht nur körperlich Kranke. Psychotherapeuten sind hier nötig. Aber psychisch schwer Kranke haben es schwer, einen Behandlungsplatz bei einem Psychotherapeuten zu finden. Es gibt lange Wartelisten. Psychisch schwer kranke Menschen haben es extrem schwer, einen geeigneten Psychotherapeuten zu finden.

Ich habe den Eindruck, dass Psychiatrie und Psychologie häufig nebeneinander her arbeiten. Wir brauchten ein stärkeres Miteinander. Vielleicht hat es etwas mit den Zielvorstellungen und den erlernten Methoden zu tun. Unsere psychisch schwer Kranken brauchen Zuwendung und zumindest Begleitung.

So viel erst einmal zu den Hilfen, die psychisch kranke Menschen vom Arzt verordnet werden können. Gut und ausreichend behandelte Kranke werden weniger auffällig in der Öffentlichkeit sein und bringen die nötigen Voraussetzungen für Rehamaßnahmen mit.

Wenn schnelle Hilfe für einen psychisch kranken Menschen gebraucht wird und kein behandelnder Arzt bekannt oder erreichbar ist, sind während ihrer Dienstzeiten die Sozialpsychiatrischen Dienste vor Ort die richtige Anlaufstelle für Nachfrager. Nach Dienstschluss gibt es meistens nur den allgemeinen ärztlichen Notdienst oder im äußersten Notfall die Polizei.

Nötig wäre flächendeckend ein Netz von rund-um-die-Uhr arbeitenden Krisendiensten, vernetzt mit den Sozialpsychiatrischen Diensten und kompetenten Fachkräften vor Ort. Dort, wo es inzwischen in Niedersachsen psychiatrische Krisendienste gibt, sind sie nicht mehr wegzudenken, selbst wenn sie nur an einigen Stunden am Wochenende und Feiertagen zu erreichen sind.

Inzwischen gibt es Auswertungen der bestehenden Krisendienste, die über ihre Inanspruchnahme Auskunft geben. Wir dürfen das Ziel nicht aus den Augen verlieren, dass psychiatrische Krisendienste überall gebraucht werden.

Die Sozialpsychiatrischen Dienste stellen einen Eckpfeiler der ambulanten psychiatrischen Versorgung dar. Bei ihnen liegt die Verantwortung für all die psychisch Schwerkranken, die sich nicht allein um Hilfe kümmern können. Die kreisfreien Städte und Landkreise müssen für genügend qualifiziertes Personal sorgen. Das ist auch unter erschwerten Bedingungen so. Damit spreche ich den immer deutlicher werdenden Mangel an Fachärzten an.

Die Diskriminierung über die ich eingangs sprach, betrifft eben nicht nur die Kranken und ihre Familien sondern das ganze Thema Psychiatrie.

Es gibt viele Ansatzpunkte aus diesem Dilemma heraus zu kommen. Ein Ansatzpunkt ist m. E. der, einer breiten Öffentlichkeit klar zu machen, dass psychische Krankheit behandelbar ist.