Protokoll

Tagesveranstalung der AANB am 25. 10. 2008 in Oldenburg

Referat von Elisabeth Damm, niedergelassene Psychiaterin in Oldenburg

Meine sehr verehrten Damen und Herren!

Liebe Betroffene,
liebe Angehörige und Interessierte!

Erstmal möchte ich mich bedanken für die Einladung zu dieser Veranstaltung, die mir ganz spontan von Frau Seelhorst vor einigen Wochen mitgeteilt wurde. Wir waren uns am Telefon sehr schnell einig, einerseits über das Thema, dass es heute nicht um die medikamentöse Behandlungsmöglichkeiten gehen soll, sondern um den ergänzenden, „alternativen“ Beh.bereich. Wir waren uns auch einig über die sehr gute Möglichkeit, hier miteinander ins Gespräch zu kommen.

In diesem Vortrag möchte ich Gedanken zu dem Thema: „ambulant Hilfe bei psychiatrischen Erkrankungen“ zusammenfassen, die mir wichtig erscheinen. Es ist der Blickwinkel eines niedergelassenen Psychiaters in der Grundversorgung, der täglich mit Mitmenschen in psychischer Not konfrontiert ist und gleichzeitig unter einem gewissen Zeitdruck arbeiten muss.

Mir ist es gleichzeitig ein Anliegen, von Ihnen Anregungen zu erhalten zur Verbesserung und Intensivierung der ambulanten Behandlung Ihrer Angehörigen. Sie sind in vielen Fällen für sie ein Sprachrohr, die Lobbygruppe, denn kaum ein psychisch Kranker meldet sich in der Öffentlichkeit zu Wort, um für sich etwas zu fordern. Wir alle wissen, dass die Ressourcen im System begrenzt sind, deshalb wird es in Zukunft immer wichtiger werden, „kompetente“, selbstbestimmte Pat. und Angehörige zu ermutigen, an dem Behandlungsverlauf, den wichtigen Entscheidungen auf dem Weg intensiver als bisher teilzunehmen. Lassen Sie uns das heute beispielhaft üben. Sie dürfen an mich als Repräsentantin der Psychiater Wünsche und Vorschläge vorbringen, die ich versuchen werde, in ein Resümee zum Schluss mit einzubauen.

Der Vortrag wird sich um einige Hauptthemen drehen:

1. Krankheitsverläufe in der Psychiatrie, ein bildhafter Exkurs... mit Reflektion des Hilfebedarfs

2. Grenzen und Möglichkeiten des Krankenkassensystems unter Berücksichtigung der komplexen Genese psychiatrischer Erkrankungen.

3. Anregungen Ihrerseits, Erfahrungen, Fragen, Kommentare, Ergänzungen

Welche Wünsche und Erfahrungen haben Sie an die notwendige Hilfe?

Was hat Sie bewogen, in die Angehörigenarbeit einzutreten?

4. Resümee

ad 1:

Eine psychische Erkrankung stellt einen schweren Einbruch im Leben jedes Menschen dar. Nehmen Sie das Bild der Welle über die Zeit: da gibt es einen Vorlauf mit Frühsymptomen, Verunsicherungen, destabilisierenden Ereignissen als Warnzeichen einer entgleisenden Entwicklung. Diese Warnzeichen werden oft unzureichend ernst genommen, als unwichtig abgewehrt oder der Betroffene versucht vergeblich, darauf zu reagieren und Veränderungen in seinem Leben umzusetzen. Es folgt die weitere Eskalation, die mit zunehmender Hilflosigkeit des Betroffenen und der Umgebung einhergeht. Die Entscheidung, sich einer Klinik oder einem niedergelassenen Psychiater anzuvertrauen, gelingt meist erst in grosser Not. Das ganze System Familie oder Partnerschaft ist zu dem Zeitpunkt aus dem Lot.

Beispiel:

Depression:

Erste Anzeichen

für den Betroffenen: Nachlassen der Energie, schnellere Erschöpfbarkeit, Unzufriedenheit, Rückzugsbedürfnis, erhöhtes Schlafbedürfnis oder zunehmende Schlafstörg.

für den Angehörigen: gereiztere Atmosphäre in der Fam., Aufgaben bleiben unerledigt, weniger Kommunikation, mehr Streit unter den Kindern...

Symptome werden deutlicher: der Betroffene signalisiert sein/ihr schlechtes Befinden oder der Angehörige spricht es an, es werden Ansätze der Erklärung gesucht (Virus, Blutarmut, Berufs- und/oder Ehekonflikte....) und Alltagslösungen versucht (Urlaub, Hausarzt, Putzhilfe...)

Eskalation: Kommunikationsblockierung in der Fam., Erschöpfung des Fam.systems, Hilflosigkeit, Aggression, Folgekonflikte nach aussen mit Arbeitgeber, Kindern, Ausbildung, Schule u.a.. Hilfe von aussen wird erforderlich.

Wann tritt der/die ambulante Behandler/in in den Krankheitsverlauf ein?

2 Standardsituationen in der Praxis als Beispiel:

- Der erste Normalfall ist der Erstkontakt in der Praxis. (im aufsteigenden oder höchsten Punkt der Welle) Diesen Erstgesprächen widme ich mehr Zeit als den nachstat. Begegnungen, denn der/die Pat. hat meist noch keine Beh. erfahren, meist lange auf den Ersttermin gewartet und ist voller Druck und Leidensgefühl. In diesen Gesprächen wird neben der Erfassung der Symptomatik versucht, einen Zugang zur Ursache der Erkrankung zu finden, wenigstens eine Andeutung an Sinnhaftigkeit und Zusammenhang mit dem Leben des Betroffenen und eine Behandlungsstrategie entworfen und begonnen. In Anbetracht dieser oft langen Vorgeschichte spielt die erste Begegnung mit dem Helfer eine grosse Rolle. Ein erstes ehrliches und offenes Gespräch über die innersten Gefühle und Ängste kann Hoffnung bedeuten, Vertrauen wecken oder, wenn die Begegnung emotional „nicht gelingt“ Ängste und Abwehr verstärken.

Die Angehörigen sind zu diesem Zeitpunkt auch am Ende ihrer Kräfte, ihres Verständnisses, ihrer Versuche, Normalität im Alltag aufrecht zu erhalten, brauchen Entlastung und Unterstützung.

Hier bedeutet es schon Erleichterung für alle, wenn die Diagnose gestellt werden kann und die Krankschreibung einen ersten Schutz gewährt. Das Anerkennen einer psychischen Erkrankung ist für den Betroffenen genauso schwer wie für den Angehörigen, da diese das vorherige Selbstbild tangiert, ebenso wie das Familien- und Paarverständnis.

Wenn alles gut verläuft, können ambulante Massnahmen ausreichen, auch über den Gipfel der Welle hinweg helfen, eine stat. Beh. kann umgangen werden. Dieser Weg ist seit der Installation der ambulanten psychiatrischen Pflege häufiger geworden.

- die zweite typ. Situation ist die erste Begegnung nach dem stationären Behandlungsintervall, nach der akutesten Phase der psychischen Erkrankung. (im abklingenden Schenkel der Welle) Wir wissen alle, dass die Behandlung einer Psychose, Depression, Zwangserkrankung oder suizidalen Krise nicht erledigt, bzw. abgeschlossen ist nach der stationären Zeit. Das Krankenhaus ist ein Hort des Schutzes und der Erst- oder Neueinstellung auf Medikamente, der Einleitung einer intensiveren Auseinandersetzung mit den Ursachen der Erkrankung. Somit ist die Behandlung eingeleitet, der Anfang gesetzt, der leider auf Grund der immer kürzer werdenden Liegezeiten nicht immer diesen Erwartungen entspricht. Der Patient kommt dann, in einer mehr oder minder stabilen Verfassung mit seinem handschriftlichen Entlassungsbrief, oft in Begleitung des Pflegedienstes oder eines Angehörigen in meine Praxis. Dieser Erstkontakt ist meist spontan, kein fester Termin, deshalb meist nur eine kurze Begegnung, in der ich nach den Erfahrungen im Krankenhaus und nach der subjektiven Besserung frage. Je nach Situation erfahre ich positive Meldungen, Freude auf das Nachhausekommen oder Unsicherheiten, Ängste vor den Ansprüchen des Alltages oder auch traumatische Erinnerungen an die Klinik. Mit dem Aufsuchen des ambulanten Behandlers beginnt für den Patienten die Phase der Integration der Erkrankung und dessen Folgen in den Alltag. Das entscheidet häufig über den weiteren Verlauf der Welle....

Ist die akute Phase überwunden, sei es ambulant oder stat., wird es um die Verarbeitung der Tatsache: Krankheit, Versagen im Alltag, im Beruf, im Privatleben, in meinem Glauben, in meinem Selbstverständnis....gehen.

Stützende Gespräche mit Helfern, dem Arzt, dem Psychotherapeuten, dem Fachpfleger, der Ergotherapeutin spielen eine grosse Rolle, wobei die Intensität der Fragen der Pat. sehr von der Schwere der Erkrankung und den Vorerfahrungen, der Stärke des Stützsystems und der Bereitschaft zur Auseindersetzung abhängt. Das differiert enorm, denn Krankheit kann viele subjektive Bedeutungen haben, kann Freund und Feind, gut oder böse sein, kann im verfahrenen Leben des betroffenen sogar eine Entlastung oder Schutzlösung darstellen.

Typische Fragen der Pat. in dieser Zeit sind: Bin ich wirklich krank? Ist das überhaupt eine Krankheit? Wieso konnte ich krank werden? Es war doch alles in Ordnung.... ich war immer stark....die Kinder brauchen mich....jetzt, wo wir endlich Zeit haben....

Das Selbstbild ist angegriffen, in Frage gestellt, verletzt und passt nicht mehr, nachdem es jahrzehntelang die eigene Selbstsicherheit garantiert hat....

Das Partnerverständnis, die Rollenverteilung zwischen stark und schwach, zwischen innen und aussen, zwischen Aktivität und Erholung passt nicht mehr, alles ist in Frage gestellt, trägt nicht mehr....

Die notwendige Hilfe besteht jetzt in regelmässigen Kontakten zwischen Arzt/Helfer und Pat., dem Aufbau vertrauemsvoller Begegnungen, die dem Kranken dadurch Sicherheit und Schutz vermittelt, um diese Fragen überhaupt stellen zu können.

Die Wiedererlangung von Alltagsfähigkeiten steht genauso im Mittelpunkt. Hier tritt der ambulante psychiatrische Pflegedienst an, um Tages- und Wochenstruktur wieder aufzubauen, den Alltag unterstützend zu begleiten bis die Selbstwirksamkeit, die Eigenständigkeit wieder ausreicht. Auch in der Ergotherapie wird an der Tages- und Wochenstruktur, an der Stärkung der gesunden Anteile gearbeitet.

Eine Psychotherpie im engeren Sinne ist in dieser intensiven Krankheitsphase oft noch nicht indiziert, denn die aufdeckende Arbeit an den Krankheitsursachen, der Vergangenheit, den tiefer liegenden Konflikten kann wieder viel Kraft erfordern vom Betroffenen. Deshalb bremse ich die Erwartung der Pat. auf eine sofort beginnende Psychotherapie beim Erstkontakt, denn in der akuten Erkrankung muss das Krankheitsgeschehen in seiner destruktiven Symptomatik erst gebremst und zurückgedrängt werden. Psychotherapie ist eine langwirksame, langzeitangelegte Behandlungsmethode, die neben Entlastung auch neue Belastung bringen kann, d.h. der Betroffene braucht eine einigermassen stabile Grundverfassung, um dem Prozess gutes abgewinnen zu können. Insofern haben Wartezeiten auf einen Psychotherapieplatz auch ihren Sinn, denn sie geben dem Betroffenen die Zeit, sich positiv dafür zu entscheiden, Hartnäckigkeit und Veränderungsbereitschaft zu beweisen. Dies gilt natürlich in einem angemessenen Rahmen, nicht für Wartezeiten über 8-12 Monaten.

Psychiater und Psychotherapeut können hier sehr konstruktiv zusammen arbeiten, in dem die Krankheitsphasen angemessen begleitet werden.

Das Bild der Welle beinhaltet den Anfang und das Ende eines Prozesses, was wir aber in der Psychiatrie leider oft nicht so erleben. Es gibt häufig langwierige, hartnäckige Verläufe mit chronischen Veränderungen und Einschränkungen für den/die Kranken, somit auch für seine Umwelt, seinen weiteren Lebenslauf in Gesellschaft und Familie. Es sind nicht selten langdauernde Rehabilitationsphasen erforderlich, die viele Institutionen mit einbeziehen, wie das Versorgungsamt, die Rentenversicherung mit ihren rehabilitativen Angeboten, darunter fallen in Oldenburg die grossen Einrichtungen des ZmbR, die Rehabilitationsabteilung des Arbeitsamtes, die Eingliederungshilfe, das Sozialamt und das Grundsicherungsamt.

In diesen Fällen fällt die Welle zwar ab, aber erreicht nicht das Ausgangsniveau der gesunden Verfassung oder tendiert dazu in Abständen wiederzukehren. Auch das ist die Realität.

Ad 2:

Was kann das System leisten?

Grundsätzliches:

In der aktuellen Situation sind wir mit einer Gesundheitsreform konfrontiert, die im nächsten Jahr anlaufen wird. Alles wird teurer, bes. für die Betroffenen, das ist wohl weiterhin und trotz aller staatlicher Bemühungen Tatsache. Die Krankenkassen werden mehr Beiträge nehmen, gleichzeitig ihr Angebot drosseln. Die Kosten für unsere Gesundheit steigen, einerseits weil die Menschen immer älter werden, dadurch mehr an Behandlung im Laufe ihres Lebens benötigen, andererseits wegen des technischen Fortschritts, der neue teure Untersuchungs- und Behandlungsmethoden gebracht hat, die jedem zugänglich gemacht werden sollen. Unsere Ansprüche und Möglichkeiten steigen, leider nicht im gleichen Masse der Wohlstand der Menschen in unserer Gesellschaft.

Die Psychiatrie ist nicht ein Gebiet, in dem viel technischer Fortschritt zu verzeichnen ist. Es gibt zwar Behandlungsmethoden wie die EKT (Elektrokrampftherapie, die Vagusstimulation, die transkranielle Magnetstimulation), die nur teilweise in der Behandlung von Depressionen, Manien und/oder Psychosen etabliert sind. Teure Untersuchungsmethoden, wie das MRT, PET oder SPECT (Magnetresonanztomographie, Positron-emissions-tomographie, Single-Photon-EmissionsCT) spielen nur eine untergeordnete Rolle in der Allgemeinpsychiatrie, z.B. als Ausschluss- und Differentialdiagnostikum bei der Demenz und bei der ersten Psychose oder in der Forschung. Die Disziplin der Psychiatrie basiert bis heute auf der Klinik, der Beobachtung des Pat., seinem Verhalten, seinen sichtbaren Symptomen. Man bemüht sich darum, sichtbares mit den o.g. Methoden zu finden, was auch z.T. gelingt, z.B. kann das Stimmenhören oder optische Halluzinationen in Aktivitäten in den jeweiligen akustischen oder optischen Regionen gemessen werden. Aber das bestätigt nur die schon klinisch sichtbare und diagnostizierbare Verfassung des Kranken, bringt von daher keine neue Information. Hier stellt sich die Frage nach der Henne und das Ei, was war zuerst da? Die Ursache, die Entstehung, die Grundstörung in der Depression und/oder Psychosen kann so nicht erkannt werden. So steht die klinische Diagnostik weiterhin an erster Stelle,

Dazu einen kleine Exkurs....

Wir sind als Menschen vielen Einflüssen im Laufe unseres Lebens ausgeliefert, die sich alle in irgendeiner Form in unserem Gehirngewebe in unterschiedlichen biochemischen Veränderungen manifestieren.

Den Anfang bildet die genetische Disposition, die wir mitbringen: familiäre Neigung zu Depressionen und/oder Psychosen oder Entwicklungsbehinderungen organischer Art....

Des weiteren folgen die frühen Erfahrungen, die wir in unserem Leben machen: wie wurden wir angenommen, versorgt, bemuttert, bevatert, gespiegelt, ernst genommen.... ist es gelungen, ein Urvertrauen in diese Welt aufzubauen oder nicht? Das fehlende oder vorhandene Urvertrauen spielt im Verlauf psychiatrischer Erkrankungen eine fundamentale Rolle.

Des weiteren spielen die frühen Lebensumstände eine Rolle: war Krieg oder Frieden, gab es genug zu essen oder nicht, zerbrachen schwere Verluste von wichtigen Bezugspersonen den sicheren, haltgebenden Rahmen...?

Dann folgt der Lebenslauf mit seinen Erschwernissen, Erfolgen, Verletzungen und Beziehungserfahrungen.....in der entsprechenden politischen Gesellschaft mit ihren Ansprüchen und Erwartungen an den Einzelnen.

Als letztes will ich noch die Bedeutung von Traumata setzen, die zunehmend in den Focus geraten, u.z. auf allen Ebenen. Auch schwere Traumata verändern die Struktur und die Reizverarbeitung und Weiterleitung im Gehirn.

Wenn Sie das alles in Betracht ziehen, erkennen Sie, wie komplex die Zusammenhänge in der Entstehung von psychiatrischen Erkrankungen sind. Deshalb sind auf vielen Ebenen Entwicklungen zu beobachten, die zueinander in Verbindung stehen. In der Erkenntnis über Ursachen ist im psychologischen Bereich das Verständnis für die Hintergründe typischer Symptome, Abwehrmechanismen und Funktionsweisen der Psyche seit Freud stetig umfassender geworden. Die Bedeutung von Bindung, Persönlichkeitsvariablen, Mentalisierungsvorgänge u.v.a. mehr sind erforscht und haben die Psychiatrie bereichert und valider gemacht. Durch die intensive radiologische Gehirnforschung ist die Verbindungen zur Gehirntopologie, Gehirnentwicklung, Reizleitung und der biochem. Ebene der Transmitter entstanden. Eine erstaunliche Flexibilität und Veränderbarkeit wird dem Gehirn inzwischen bescheinigt. Der jahrzehntelang Dualismus zwischen organischer und psychologischen Genese und Beh. ist aufgehoben. Man weiss, dass beides zu Gehirnveränderungen führt.

In der Behandlung stellt ein enormer Fortschritt die Medikamentenentwicklungen, einmal der Neuroleptika und der neuen Antidepressiva dar.

In der alternativen Behandlung sind neue psychotherapeutische Methoden, wie die Weiterentwicklung der Verhaltenstherapie, die Differenzierung der Borderline-, der Trauma- der Zwangs- und Depressionsbeh. entstanden. Man kann viel genauer eine spezifische Behandlung für eine spezifische Diagnose definieren.

Das Diagnostik-system ICD, DSM, durch das unsere Sichtweise und Beurteilung strukturiert ist, ist ständig in Bewegung, da die Begrenztheit unserer Oberbegriffe oft nicht ausreichend die Realität des Symptomenkomplexes spiegelt. Nach der Einteilung auf dem Boden einer gutgemeinten ursächlichen Unterteilung in der ICD 9 ging man im heutigen ICD 10 zur Deskription der Symptome und deren Krankheitseinheiten über. Aktuell diskutiert man eine neue Einteilung nach den neuesten Erkenntnissen der Gehirnentwicklung uns Systematik, nach grossen Funktionsbereichen, sprich Emotionalität, Kognition, Willenssteuerung u.ä. Es bleibt abzuwarten, was auf uns zukommt.

Unverändert bleibt bis heute der Kern: die klinische Diagnose, in der Behandlung als Grundvorraussetzung die menschlichen Zuwendung und die heilenden Umgebung für ein Gelingen.

Zusammenfassend gilt: Auf Grund der Krankheitsverläufe psychiatrischer Erkrankungen stellt die ambulante Behandlung die angemessene Form der Behandlung dar, denn sie ist langfristig angelegt, umfasst die vertrauensvolle therapeutische Beziehung zum ArztÄrztin, gewährleistet ein Netz von Hilfsstrukturen, auch den Einschluss, falls erforderlich der Partner, der Fam. und deren Hilfebedarf. Die Praxis sollte idealerweise der Koordinationspunkt der therapeutischen Massnahmen darstellen, sei es medik., oder psychotherapeutisch, pflegerisch oder rehabilitativ.

Ad 2.Unser allgemeines Krankenkassen-System bietet oder sollte zur Zeit folgende Hilfsmöglichkeiten anbieten:

1. Zugang zu ambulant tätigen Psychiatern:

Der Bedarf an ambulanter psychiatrischer Beh. hat in den vergangenen Jahren zugenommen. Wir sehen mehr Depressionen, mehr Angsterkrankungen, mehr komplexe Störungsbilder, mehr Menschen, die aus dem Anspruchsrad der Gesellschaft herausfallen. Leider hat die Zahl der niedergelassenen Psychiater abgenommen, was zu erheblicher Zunahme der Wartezeiten für die Pat. geführt hat. Über dieses „Nadelöhr“ sind wir Psychiater sehr unglücklich, denn es überschattet die Behandlung des Pat. von Anfang an negativ.

Bisher war die KV für die Versorgungslandschaft verantwortlich, diese Aufgabe wird in Zukunft von den KK übernommen. Daher rate ich meinen Pat. und Ihnen als Angehörige durchaus, die Problematik mit dem erschwerten Zugang zu ambulanter psychiatrischer Beh. bei den entsprechenden Gremien de KK vorzutragen. Auf Kunden hört die KK eher als auf die Leistungserbringer.

2. die ambulant-psychiatrische Pflege, und Soziotherapie :

diese Behandlungsform gibt es im KK-Katalog seit einigen Jahren, was die Beh. Schwerkranker im ambulanten Setting ermöglicht. Diese Pflegeform wird von Psychiater verordnet, für die meisten KK max. über 4 Monate am Stück, für die IV-KK deutlich länger. Dies hat sich für viele Kranke als Segen erwiesen. Sie werden heute Nachmittag von Herrn Warnicke mehr darüber erfahren.

3. Ergotherapie:

Das Angebot an Ergotherapie ist flächendeckend, es gibt viele ambulant tätige Ergotherapeuten, die psychiatrisch erfahren und versiert sind. Die Ergotherapie spielt in er klinischen Beh. eine grosse Rolle, sie gehört zu den Kernbehandlungsmethoden in der Klinik neben Med. und Gesprächen. Anders in der ambulanten Landschaft... der in der Klinik ausgebildete Psychiater tritt seine ambulante Tätigkeit an mit diesem Grundwissen um die Wichtigkeit der ergänzenden Ergotherapie an, die den Aufbau von äusseren und inneren Strukturen, die Aktivierung von kreativen Eigenressourcen, sprich den Selbstheilungskräften ermöglicht, die die sensomotor. Einengung vieler Pat. durchbrechen kann...u..s.w .

Sie werden auch darüber mehr in den Nachmittagsstunden hören...

Aber welche Realität begegnet uns im ambulanten Bereich? Ergotherapie muss verordnet werden und unterliegt einem erheblich gedeckelten Budget, der in keinster Weise den Bedürfnissen entspricht. Wer seinen Pat. Ergotherapie verschreibt, kann hier genauso wie bei den Med. in Regress geraten. In den vergangenen Mon. sind wir Psychiater mit „Drohbriefen“ überschüttet worden bezüglich unseres Verordnungsverhaltens in der Ergotherapie. Offensichtlich wird die Notwendigkeit der Ergotherapie in der psychiatrischen Beh. in den MDKs der KK nicht anerkannt. Das ist die aktuelle Crux, die sehr bedauerlich ist. Wünschenswert wäre ein getrenntes Abkommen der Ergotherapeuten mit den KK, wie es in der Vergütung der Psychotherapeuten existiert.

Auch hier sind positive Rückmeldungen von den Betroffenen an die Kostenträger von Bedeutung, deshalb möchte ich Sie auch hier zur aktiven Teilnahme an der Unterstützung der Ergotherapeuten aufrufen. Melden Sie Ihrer KK schriftlich all die positiven Erfahrungen, die Ihre kranken Angehörigen in der ergotherapeutischen Beh. gemacht haben. Auch hier sind Sie die beste Lobby.

4. Psychotherapie

Die Sit. der psychotherapeutischen Versorgung ist etwas anders. Genau wie bei den ärtzlichen Fachgebieten gibt es begrenzte Zulassungszahlen, die eine ausreichende Versorgung der Bevölkerung gewährleisten sollen. Die Auswahl der Pat. trifft der Psychotherapeut völlig selbständig, rechnet auch eigenständig und direkt mit den KK ab. Die Tatsache, dass es Psychotherapie auf Krankenschein gibt ist in Europa ein glänzendes Ausnahmenbeispiel. Deutschland ermöglicht hier seinen psychisch Kranken eine sehr positive Behandlungsoption, die sowohl ursächlich, wie langfristig angelegt ist. Der Bedarf übersteigt allerdings das Angebot und auch hier sind lange Wartezeiten schon normal geworden, u.z. von Monaten bis zu 1-2 J. Die Bemühungen um einen Psychotherapieplatz erfordern vom Pat. Ausdauer,, Durchhaltevermögen und die Fähigkeit, mit negativen Bescheiden konstruktiv umgehen zu können . Deshalb geben gerade die schwer Kranken, die schwächsten unter den psychisch Kranken frühzeitig auf. Diese Problematik wird den KK zunehmend bewusst. Es gibt inzwischen über die Integrierte Versorgung die Möglichkeit für Schwerkranke an den Warteschlangen vorbei, in ihrer akuten Erkrankung einen Psychotherapieplatz für eine begrenzte Stundenzahl zu erlangen.

Das läuft z.Zt. an, wird hoffentlich Schule machen.

Hier endet das Angebot der KK.

Andere Institutionen und Kostenträger werden zuständig, wenn die Krankheit chronifiziert.

Hier muss im Einzelfall die optimalste Lösung gefunden und angebahnt werden. Gesetzliche und ehrenamtliche Betreuer lotsen durch diesen Urwald der Behörden und Antragsanforderungen in Zusammenarbeit mit der psychiatrischen Praxis.

Ad 3:

An dieser Stelle möchte ich Sie bitten, eigene Erfahrungen einzubringen, Rückschau zu halten und mitzuteilen, welche Krankheitsphase Sie am belastendsten empfanden und welche Hilfsangebote Sie gebraucht hätten, vielleicht aber nicht erhalten haben oder als Anliegen gar nicht vorgebracht haben. Die psychische Verfassung der Angehörigen steht m.E. viel zu selten im Arztkontakt im Focus. Vieles, was zu Hause schlecht oder gut läuft bleibt dem Arzt verborgen. Dabei ist der Angehörige Teil des kranken Systems, direkt von den alltäglichen Einschränkungen des Erkrankten betroffen. Trauen Sie sich ehrlich zu sein. Wie oft kämpfen Angehörige mit einem schlechten Gewissen, mit Unzulänglichkeitsgefühlen, mit Ängsten und Aggression gegenüber dem Kranken oder dem Arzt ohne es zugeben zu können.