Bündnis gegen Depression - Region Hannover

Auftaktveranstaltung am 03.10.2008

Sehr geehrte Damen und Herren!

Wenn ich heute anlässlich des „Bündnisses gegen Depression Region Hannover“ zu Ihnen spreche, so möchte ich das auch im Namen der Eltern und deren Kinder tun, denen ich mich seit etwa 11 Jahren durch unser gemeinsames Schicksal sehr verbunden fühle: Eltern, mit denen ich die Sorge um ihre erkrankten Kinder teile und Eltern, in Trauer um ihr gestorbenes Kind. Die erstgenannte Selbsthilfegruppe ist eine Gruppe der „Arbeitsgemeinschaft der Angehörigen psychisch Kranker in Niedersachsen und Bremen“ kurz AANB. Diese Selbsthilfegruppe ist nicht nur Ansprechpartner für Eltern, deren Kind erkrankt ist, sondern auch für Angehörige jeglicher familiärer Konstellation.

Das Zweite ist die Selbsthilfegruppe für Eltern, die ihr Kind durch Suizid verloren haben. ---Unser einziges Kind, unsere Tochter Annika, nahm sich am 26. Dezember 1996 das Leben, indem sie aus dem 8. Stock der Medizinischen Hochschule Hannover sprang. Sie war am 19. September gerade 19 Jahre alt geworden. Zwei Jahre vorher, an ihrem 17. Geburtstag, war sie mit ihrer Schulklasse zum Schüleraustausch in Polen und verbrachte diesen Tag mit ihrer Klasse in Auschwitz. ------Nach ihrer Rückkehr aus Polen kam es das erste Mal zu einer von uns deutlich nach außen hin sichtbaren Symptomatik von Angst- und Panikattacken ohne erkennbaren direkten Anlaß.

Die nun folgende Zeit war eine Zeit der Suche nach Hilfe bei psychiatrischen Ambulanzen, niedergelassenen Psychiatern, zwischenzeitlicher stationärer Aufnahme zur Diagnosefindung in der Kinder- und Jugendpsychiatrie Hildesheim, dortiger Tagesklinik, weitere ambulante Behandlung bei dem Kinder- und Jugendpsychiater aus dieser Klinik, der sich mittlerweile in Hannover niedergelassen hatte.

In einem gemeinsamen Gespräch bei ihm wurde beschlossen, dass Annika sich in der Psychiatrischen Ambulanz der Medizinischen Hochschule vorstellen sollte. Alles Bemühen um eine Besserung ihres Zustandes war vergebens: Die Medikation mit einem niederpotenten Neuroleptikum, Gesprächstherapie bei dem schon erwähnten Kinder- und Jugendpsychiater, das Ablösen vom Elternhaus: das Wohnen bei einer gemeinsamen Freundin in unserer Nähe; dann in einer WG, wo es zu einem ersten Suizidversuch mit Tabletten kam.

Am Ende dieses Gesprächs meinte Annikas Arzt: „dort, (an der MHH) wüsste man sicher mehr als er“; und Annika selbst äußerte, dass er wohl meine, sie sollte erstmals, und unter Aufsicht, ein anderes Medikament bekommen.

Am 22.Oktober wurde Annika an der MHH in einer „Psychotherapeutischen Gesprächsabteilung“ aufgenommen. Eine Station, willkürlich zusammengestellt, mit zusätzlichen Stressoren im Hinblick auf die einzelnen Patientenschicksale verbunden. Annika brachte sich dort wohl sehr zugewandt ein, vermerkte aber in ihrem Tagebuch: „Ich glaube, meine eigenen Probleme gehen hier völlig unter.“ Als Annika nach 3wöchigem Aufenthalt auf dieser Station das erste Mal in den 8. Stock fuhr und weinend wieder auf die Station zurückkam, musste eine Mitpatientin, der sie erzählt hatte, dass sie sich schämte, nicht gesprungen zu sein, erst die Mitarbeiter der Station auf den Zustand der Patientin aufmerksam machen.

Annika wurde auf die benachbarte geschlossene Station verlegt, nach 8 Tagen auf Anraten der diensthabenden jungen Stationsassistentin wieder zur Schule geschickt, outete sich dort selber in einem Rundbrief an ihre Mitschüler, bat um Nachhilfe für den versäumten Lehrstoff von 6 Wochen, schrieb die zum Jahresende üblichen Klausuren mit, setzte sich unter großen Streß. Bei einem Besuch auf der Station äußerte ich in Gegenwart eines Pflegers meine Wahrnehmung, dass Annikas Zustand sich wieder sehr verschlechtere und ob es sich nicht doch um eine unter dem Streß wieder zunehmende Depression handele.

Seine Antwort in Gegenwart der Patientin war: „Wenn sie jetzt davor davonläuft, läuft sie ihr ganzes Leben lang davon.“ Eine Kontaktaufnahme bzw.Vernetzung zwischen der Station und der Schule fand nicht statt. Inzwischen war Annikas Medikament reduziert und abgesetzt worden.

In der Nacht vom 1. auf den 2. Weihnachtsfeiertag fand, laut Stationsunterlagen, ein konfrontatives Gespräch zwischen dem diensthabenden Pfleger und Annika statt. Man gab uns keine Gelegenheit, nach Annikas Tod mit diesem Pfleger ein Gespräch zu führen. Wir konnten aber in Erfahrung bringen, dass der Pfleger für diesen Weihnachtsdienst speziell eingesetzt worden war, obwohl er sich in einer Babyfreistellungsphase befand.------Er kannte also unsere Tochter überhaupt nicht.

Am 2. Weihnachtsfeiertag kurz nach 9.00 Uhr morgens stürzte sich unsere Tochter aus dem 8. Stock der Medizinischen Hochschule. Am kommenden 26.Dezember werden es 12 Jahre eines anderen Lebens, des Lebens „danach“ mit der Frage, ob das eigene Leben überhaupt Sinn macht, mit der Frage: Warum? Mit der Frage nach Schuld, nach eigener Schuld und der Schuld der Anderen.

Um besser verstehen zu können, suchte ich bald nach Annikas Tod die Angehörigengruppe auf, deren Kinder leben (AANB) und hoffe, dass ich heute dort manchmal etwas hilfreich sein kann, oder einfach immer wieder zuhöre, Verständnis habe und, wenn möglich, Zuversicht vermittele. -3-

In der Selbsthilfegruppen für Eltern, deren Kinder durch Suizid ihr Leben verloren haben, fühlte ich mich sofort verstanden und aufgehoben. Wir durchleben gemeinsam den schweren Weg der Trauerphasen, wir weinen gemeinsam um unsere Kinder, wir lernen sie nach ihrem Tod kennen: mit ihren Liebenswürdigkeiten, ihrem Einzigartigsein, ihrer Verletzlichkeit-----und ich wünschte so sehr, alle diese Kinder hätten einen anderen Ausweg für sich gefunden und wären noch bei uns.— Und ich hoffe, dass dieses „Bündnis" dazu beitragen kann, Menschen einen Weg aus dieser scheinbaren Ausweglosigkeit zu zeigen.

Ich danke Ihnen ( und Euch ) für Ihre ( und Eure ) Aufmerksamkeit