Protokoll

Tagesveranstalung der AANB am 25. 10. 2008 in Oldenburg

(Christoph von Seckendorff, Interessengemeinschaft seelisch gesundender Menschen in Arbeit oder Rehabilitation (IGsgMAR))

Persönliche Erfahrungen mit Ergotherapie auf Krankenschein

Politischer Kontext (Was sagt die Politik?)

Heinrich Tiemann (Staatssekretär BMAS, APK-Tagung 19./20.11.07)

• Arbeit ist ein Gesundheitsfaktor:

- vor allem chronisch kranke Menschen leiden, wenn sie auf Dauer zur Untätigkeit verurteilt werden

- wenn sie einen ihren Leistungen und Fähigkeiten entsprechenden Platz in der Gesellschaft nicht finden können

• Behinderung ist individuell und trifft viele:

- dieser Grundsatz ist der Schlüssel dafür, dass auch schwer und chronisch kranke Menschen auf Dauer zur Teilhabe an Arbeit und Beschäftigung befähigt werden müssen

• Leitgedanke therapeutischer Hilfeleistungen:

- Orientierung am konkreten individuellen Bedarf der Klienten

- Realisierung personenzentrierter Hilfen anstelle bisheriger vorherrschen der institutionszentrierter, angebotsgesteuerten Organisation von Hilfe

- wohnortnahe, vorrangig ambulant zu erbringende, bedarfsgerechte Hilfe

• Das gesetzlich geregelte Leistungsspektrum medizinischer Rehabilitation gem. § 26 ff. SGB IX

• Erforderliche Leistungen werden erbracht:

- um eine Behinderung abzuwenden, zu beseitigen, zu mindern, auszugleichen

- um eine Verschlimmerung zu verhüten

- um den vorzeitigen Bezug von Sozialleistungen zu vermeiden

- um laufende Sozialleistungen zu mindern

• Leistungskatalog:

- Früherkennung und Frühförderung behinderter und von Behinderung bedrohter Kinder

- Behandlung durch Ärzte und Angehörige anderer Heilberufe

- Arznei- und Verbandsmittel

- physikalische, logopädische Therapie, Ergotherapie

- Psychotherapie

- Hilfsmittel

- Belastungserprobung

- Ergotherapie als Heilmittel

• Erfordernis

- um eine Krankheit zu heilen

- um die Verschlimmerung einer Krankheit zu verhüten

- um Krankheitsbeschwerden zu lindern

• Verordnungspflicht:

- durch einen Vertragsarzt oder die Institutsambulanz

- die Verordnung muss ausreichend zweckmäßig und wirtschaftlich sein und darf das Notwendige nicht überschreiten

• Heilmittel-Richtlinien:

- bestimmen, welche Heilmittel im Rahmen der Gesetzlichen Kranken versicherung verordnungsfähig sind

- nur Heilmittel mit anerkanntem und empfohlenem therapeutischen Nutzen dürfen verordnet werden

- H.-R. sind für Vertragsärzte und Krankenkassen verbindlich

- Dienen der ausreichenden, zweckmäßigen und wirtschaftlichen Versorgung mit Heilmitteln

- Der Heilmittelkatalog beinhaltet Indikationen verordnungsfähiger Heilmittel und die maximale Versorgungsmenge je Diagnose im Regelfall.

Was kann und soll Ergotherapie erbringen? SOLL-Kriterien

Vorbereitung auf eine Eingliederung in das allgemeine Arbeitsleben

- möglichst gleichberechtigt

- individuell angemessen

- nachhaltig

- auf dem Weg dorthin fördern und begleiten

Berücksichtigung der gesundheitlichen Situation des Klienten

- Motivation, Krankheitsverlauf, Selbstüberschätzung, große Ängste vor Veränderungen

- Unterstützung alltagspraktischer Fähigkeiten

- intensive und kontinuierliche Kontakte der Behandler zu den Klienten

- Unterstützung in Krisensituationen

- Zugang schaffen zu psychiatrischen und psychotherapeutischen Hilfsangeboten

- Stärkere Verknüpfung der beruflichen Rehabilitation mit der medizinischen Rehabilitation

- integrierte Teilhabeplanung

- integrierte Leistungserbringung

- Grundsatz „ambulant vor stationär“

• Den Klienten befähigen zur Teilnahme an Rehabilitationsmaßnahmen / Arbeit

- ausreichende Motivation

- belastbar werden

- eine positive Erfolgsprognose erhalten

- Stabilisierung zur selbstständigen Lebensführung

- Abklärung der beruflichen Neigung und Eignung

• Prinzip „Erst platzieren, dann rehabilitieren“

- Training für einen Arbeitsplatz

1. Arbeitsplatz besorgen

2. den Klienten an diesem konkreten Arbeitsplatz qualifizieren und begleiten

Persönliche Erfahrungen mit ambulanter Ergotherapie

1. Meine persönliche Ausgangssituation

- Berufsausbildung als Dipl. Verwaltungswirt und Industriekaufmann

Alter: 41 Jahre, Ersterkrankung 1985

- Arbeitsunfähigkeit seit 01.07.08 nach Überforderung durch den Arbeitsplatz auf dem ersten Arbeitsmarkt. Kündigung des Arbeitsplatzes durch den Arbeitgeber nach zwei Wochen Arbeitsunfähigkeit innerhalb der Probezeit

- Erstantragstellung eines Schwerbehinderten-Ausweises nach dem 01.07.08

- Zur Herstellung von Belastbarkeit und Arbeitsfähigkeit Aufnahme von ambulanter Ergotherapie auf Zuspruch der behandelnden Ärztin

- Planung einer medizinischen und beruflichen Reha

2. Kanadisches Behandlungsmodell

(Model of Occupational Performance [CMOP])

- Ausrichtung der therapeutischen Arbeit an meine Lebensgeschichte und meiner aktuellen Lebenswelt

- halbstrukturierte Interviews mit den Behandlern

- Erarbeitung klientenzentrierter und bedarfsorientierter Behandlungsziele

3. Kombination verschiedener Therapieformen

- Einzelberatung:

Wo stehe ich jetzt, wo will ich hin?

Wie komme ich dorthin?

Erarbeitung eines Wochenplanes

- Gruppentherapie im Bereich Büro/EDV

~ Stärkung von Konzentration und Ausdauer

~ Erledigung konkreter Arbeitsaufträge

~ Erstellung einer Begrüßungsmappe für Patienten

- Gruppentraining sozialer Kompetenzen

Stärkung der Selbstsicherheit und des Selbstbewusstseins

Hausaufgaben, Rollenspiele, Training von Echtsituationen

4. Stärkung zwischenmenschlicher Kompetenzen

- Nutzung von Pausenräumen durch die Klienten

- Bereitstellung von kostenlosem Kaffee

- Möglichkeiten zu Gesprächen und Erfahrungsaustausch mit Mitpatienten

5. Vier Bausteine erlebter klientenzentrierter Ergotherapie

• Ausgangspunkt: Der Klient und der Therapeut stehen im Mittelpunkt

• Befunderhebung: Erstkontakt – Infogespräch – Anamnese-Gespräch – Klientenbogen – Beobachtung – Situationsanalysen – Folge-Erhebung

• Ziele: Erreichen einer für den Klienten zufriedenstellenden Teilhabe an für ihn wichtigen Betätigungen + Erstellung eines Netzwerkes

• Behandlung: Einzeltherapie – Gruppentraining in verschiedenen Trainingsbereichen- wechselnde Gruppenangebote – Praktika – begleitende und beratende Ergotherapie

6. Behandlung nach dem Ethikkodex des Deutschen Verbandes der Ergotherapeuten

• Ergotherapeuten sehen sich als zuverlässige, offene und loyale Persönlichkeiten

• Haben eine Verantwortung gegenüber ihren Klienten

• Nehmen Rücksicht auf die Werte und Wünsche ihrer Klienten

• Wahren angemessen den Datenschutz

• Wollen durch lebenslanges Lernen kontinuierlich ihr berufliches Wissen aufbauen und ihren Klienten weitervermitteln

Ich habe zwei Einrichtungen der ambulanten Ergotherapie in Hannover kennen gelernt.

Die BehandlerInnen waren aus meiner persönlichen Sicht gesehen alle kompetent und verständnisvoll.

Die Atmosphären in den Einrichtungen waren unterschiedlich aufgrund verschiedenartiger Behandlungsansätze.

Ergotherapie wird unbegrenzt von der Institutsambulanz verschrieben. Damit wird die beschränkte Verschreibungsfähigkeit der niedergelassenen Ärzte umgangen.

- Warum ist Ergotherapie für mich wichtig? (Zusammenfassung)

• 1. Ergotherapie ermöglicht die Wiederherstellung von Kraft, Ausdauer und Geschicklichkeit.

• 2. Ergotherapie verbessert Funktionen und Funktionsabläufe

- durch aktivierende und handlungsorientierte Methoden und Verfahren

- unter Einsatz von funktionellen, spielerischen, handwerklichen und gestalterischen Techniken

- durch lebenspraktische Übungen

• 3. Ergotherapie ist Belastungserprobung

- durch Ermittlung der körperlichen, geistigen und seelischen Leistungsbreite

- durch Ermittlung der Dauerbelastbarkeit

• 4. Ergotherapie bereitet auf die berufliche Wiedereingliederung vor durch Erhaltung und Entwicklung von entsprechenden Fertigkeiten

Literaturverweise

Heinrich Tiemann: „Teilhabe am Arbeitsleben – Grundlagen, Konzepte, Perspektiven“, in: „Personenzentrierte Hilfen zu Arbeit und Beschäftigung“, Tagungsbericht Aktion Psychisch Kranke, Kassel 19./20.November 2007, ISBN 978-3-88414-447-3

- Dirk Bennewitz: „Ergotherapie im Psychosozialen Zentrum“ , in: „Personenzentrierte Hilfen zu Arbeit und Beschäftigung“, Tagungsbericht Aktion Psychisch Kranke, Kassel 19./20.November 2007, ISBN 978-3-88414-447-3