Kongreß "Weil der Mensche ein Mensch ist"
(DIE GRÜNEN im nordrhein-westfälischen Landtag)

Behandlungspflege und Soziotherapie als Brücken zur selbstständigen normalen Lebensführung in der gemeindenahen Versorgung umsetzen - zum Stand der Umsetzung in den verschiedenen Bundesländern

Die Reduzierung von stationären Klinikaufenthalten hat bei vielen psychisch Kranken zu schweren Einschnitten in ihre Lebensqualität geführt. Die Behandlung in der Klinik stellt meist nur noch eine Krisenintervention dar, allerdings ohne die anschließende Verfügbarkeit von ambulanten, vor allem aufsuchenden Hilfen. Psychisch Kranke brauchen häufig nach der Entlassung aus dem Krankenhaus viel direkte Hilfe. Was nützt es, wenn sie im Krankenhaus auf Medikamente eingestellt wurden und diese nach der Entlassung nicht mehr genommen werden?

Unglücklich und verunsichert betritt so manch ein psychisch Kranker erstmals wieder seine Wohnung, aus der er evtl. gegen seinen Willen zur Behandlung geholt wurde. Eigentlich müsste er jetzt als erstes zum Arzt, um sich die nötigen Medikamente verschreiben zu lassen, dann in die Apotheke. Wieviel Geld ist überhaupt noch auf dem Konto? Alles kostet Geld, das Krankenhaus, der Arzt, die Apotheke. Hinzu kommt, dass zu Hause der ganze alte Frust auf ihn wartet, eine unaufgeräumte Wohnung, ein leerer Kühlschrank, verärgerte Nachbarn, usw. Verständlich, dass sich viele Kranke in dieser Situation einfach im Bett verkriechen.

Auch rechtzeitig im Krankenhaus vor der Entlassung eines Patienten einberufene Mitglieder einer evtl. bestehenden Hilfekonferenz können das kaum ändern. Was sollen die Mitglieder einer solchen gut gemeinten Konferenz dem zu entlassenden Patienten eigentlich anbieten, wenn es die wichtigsten Hilfen für einen noch schwer kranken Menschen vor Ort nicht gibt: einen Arzt, der den Kranken erst einmal zu Hause aufsucht, der ihm nicht nur Medikamente sondern vor allem eine tüchtige Pflegekraft verschreibt?

In Niedersachsen gibt es die von uns Angehörigen seit Jahren vehement geforderte aufsuchende häusliche Krankenpflege für psychisch Kranke nur in einigen Regionen und in einem Sektor Hannovers, dort für gerontopsychiatrische Patienten.

Überall, wo es diese Form der Hilfe gibt, werden nicht nur Klinikaufenthalte verkürzt oder sogar vermieden. Es wird vor allem die Alltagskompetenz der Betroffenen gestärkt, und damit die Bereitschaft, das Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen, für sich zu sorgen, sich auf nötige Konsequenzen der schweren Erkrankung einzulassen, wie die regelmäßige Medikamenteneinnahme.

Mir ist das bei der Begleitung meiner psychisch kranken Söhne klar geworden. Wenn die Familie nicht geholfen hätte, etwa in der geschilderten Situation nach einem stationären Krankenhausaufenthalt oder während einer psychotischen Krise, würden sie seit Jahren in Heimen leben, hohe Kosten verursachen und den Eindruck vermitteln, dass sie zu krank seien, ihr Leben selbst zu gestalten. Das ist aber eben nicht der Fall. Alle wohnen in ihrer eigenen Wohnung und versorgen sich dort selbst. Sie bewältigen ihren Alltag und langweilen sich nicht. Die Familie half.

Was nun, wenn es keine Angehörigen (mehr) gibt, die in Krisen Hilfe leisten? Das Betreute Wohnen stellt eine Möglichkeit zur Hilfe dar, sofern der Träger über flexible Personalschlüssel verfügt.

Zweierlei gebe ich dabei aber zu bedenken. Erstens sind die Mitarbeiter dieser Einrichtungen schnell am Ende ihrer Möglichkeit angelangt, wenn der Kranke über eine vorher nicht voraussehbare Zeit intensiv betreut werden muß, evtl. mehrere Stunden täglich. Zweitens wird beim Betreuten Wohnen die Betreuung, wenn auch reduziert, fortgesetzt, wenn sie nicht mehr nötig ist. Ich hörte von Betroffenen, dass sie die Betreuung nach Abklingen einer Krise lästig finden. Bei anderen stelle ich fest, dass sie durch den Verwöhneffekt in ihrer Alltagskompetenz Schaden nehmen.

Da die Träger von Wohnheimen eng mit anderen psychiatrischen Einrichtungen zusammenarbeiten, z. B. den Werkstätten für behinderte Menschen oder Tagesstätten, besteht ein Trägerinteresse daran, den Betroffenen nicht aus psychiatrischen Einrichtungen heraus zu rehabilitieren sondern ihn dazubehalten. Das gleiche gilt häufig für das Betreute Wohnen. Das Ziel der Maßnahmen, einen kranken Menschen wieder fit für das normale Leben zu machen, gerät dabei aus dem Blickfeld. Ich setze mich als Angehörigenvertreterin dafür ein, dass unsere Kranken Hilfe bekommen, die sie zurück in die Gesellschaft führt.

Die Soziotherapie wird in Niedersachsen noch kaum angeboten, was ein Skandal ist und mit den geltenden Richtlinien zusammenhängt. Aufsuchende psychiatrische Krankenpflege und anschließende Soziotherapie müssten die Grundlage für eine zeitgemäße ambulante Versorgung psychisch Kranker nach schweren Krisen darstellen.

Nun bin ich Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft der Angehörigen psychisch Kranker in Niedersachsen und Bremen. In Bremen sieht die Lage ganz anders aus. Da gibt es die Gesellschaft für ambulante psychiatrische Dienste, kurz GAPSY genannt, die sowohl ambulante psychiatrische Krankenpflege als auch Soziotherapie anbietet. Es begann im Jahr 1999 mit einem Vertrag mit der AOK Bremen/Bremerhaven, zunächst als Modell. Nach dessen Beendigung wurde eine vertragliche Vereinbarung mit der AOK Bremen/ Bremerhaven und der HKK Bremen getroffen. Inzwischen wird auch mit der IKK Bremen/Bremerhaven und der BKK firmus und dem BKK Landesverband Niedersachsen-Bremen zusammen gearbeitet.Bei der Ambulanten psychiatrischen Krankenpflege gibt es keine diagnostische Ausgrenzung. In der Beschreibung, die im Internet unter www.gapsy.de steht, heißt es, Patienten sind chronisch psychisch erkrankte Erwachsene, Erwachsene mit einer akuten psychischen Erkrankung oder Krise, gerontopsychiatrisch erkrankte Menschen, wesensveränderte Menschen infolge psychischer Erkrankungen, psychisch erkrankte Personen mit einem gleichzeitigen Suchtmittelmissbrauch. Der Behandlungsdienst ist rund um die Uhr erreichbar. Die Angehörigen werden unterstützt und beraten.

Seit Januar 2003 wird von GAPSY auch Soziotherapie angeboten. Auf diese Leistung haben nur Patienten nach § 37a des SGB V Anspruch, die ein gewisses Maß an Krankheitseinsicht haben und entsprechend den Richtlinien des Bundesausschusses der Ärzte und Krankenkassen an einer Form der Schizophrenie oder an einer schweren Depression mit psychotischen Symptomen leiden. Schade, dass so viele hilfebedürftige psychisch kranke Menschen keinen Anspruch haben.

Die Patienten sollen mit der soziotherapeutischen Unterstützung lernen, ihr Lebensumfeld wieder selbst zu gestalten, den Alltag zu managen und eigenständig ambulante Hilfen in Anspruch zu nehmen, heißt es bei GAPSY.

Bremen ist im geschilderten Bereich Niedersachsen ein großes Stück voraus. Allerdings denke ich, dass es noch weiterer Hilfe bedarf, um einem psychisch Kranken nach schwerer Krise zu helfen, wieder am Leben der Gesellschaft teilzunehmen. Dafür werden Menschen gebraucht, die ihn mitnehmen und begleiten, wohin er selbst möchte. Das müssen keine Therapeuten sein. Psychiatrische Kompetenz ist nötig, um den jeweiligen Hilfebedarf im Gespräch mit dem Betroffenen und seinen Angehörigen zu ermitteln und sich dann um die geeigneten Hilfeerbringer zu kümmern.

Ich bin sehr gespannt auf den Umgang psychisch Kranker mit dem Persönlichen Budget, verspreche mir aber nur dann eine Kehrtwende des derzeitig üblichen fürsorglichen Denkens, wenn die Betroffenen wirklich selbst entscheiden können, wofür sie die ihnen zugestandenen finanziellen Mittel ausgeben. Wir werden überrascht sein. Vielleicht wird sich manch einer eher für Hilfe im Haushalt als für eine der üblichen BSHG-Leistungen entscheiden.