Tagesveranstaltung der AANB am 19.10.2002 in Hannover

Thieß Uwe Matthießen, Leitender Arzt am NLKH Moringen

Tagesveranstaltung „Psychose und Aggression“ am 19. 10. 2002 in Hannover

„Maßregelvollzug &# Was ist das? Welche therapeutischen Angebote gibt es für psychisch kranke Straftäter im NLKH Moringen“

Für die Einladung zu Ihrer Veranstaltung möchte ich Ihnen herzlich danken. Mit den folgenden Ausführungen will ich versuchen, Ihnen einen kleinen Einblick in einen Bereich der Psychiatrie zu geben, der - aus meiner Sicht - leider immer nur dann in den Blickpunkt der Allgemeinheit gerät, wenn irgendein die Öffentlichkeit aufwühlendes Delikt verübt wurde.

Der forensische Alltag hingegen mit seinen Schicksalen, Tragödien, aber auch liebenswerten Seiten, den kleinen oder größeren therapeutischen Erfolgen, dem gemeinsamen Ringen um Veränderungen verschwindet dabei allzu leicht aus dem Blickfeld des öffentlichen Interesses.

Leider ist es ja heute noch häufig so, dass Menschen mit psychischen Erkrankungen stigmatisiert und mit Misstrauen betrachtet werden. Besonders beängstigend erscheinen sie aber immer dann, wenn sie, was Gesunde ja auch gelegentlich tun, eine Straftat begehen. Die teilweise festungsartigen Bauten um die Anstalten des Maßregelvollzugs stehen insofern auch für eine aus Stein, Beton, Glas und Draht gebaute Mauer aus (Vor)Urteilen.

Wiederum färben diese Bauwerke dann aber auch auf die Menschen hinter den Zäunen ab, denn was müssen das wohl für Menschen sein, die solch eines Sicherungsaufwandes bedürfen?

Um hier Missverständnisse auszuschließen: ganz unzweifelhaft gibt es Menschen, die einen derartigen Aufwand rechtfertigen, doch ist es nicht die Mehrheit

Kurzer geschichtlicher Überblick

Menschen, die durch ein deutlich normabweichendes, regelverletzendes Verhalten auffallen, werfen die Frage auf, inwieweit sie für ihr Handeln verantwortlich zu machen sind.

Psychisch kranke Menschen und das Strafrecht sind ein Themenkomplex, der sich bis ins Mittelalter zurück verfolgen lässt.

Schon im Mittelalter, jedenfalls im Geltungsbereich des Sachsenspiegels - das älteste und einflussreichste Rechtsbuch des deutschen Mittelalters aus der Zeit um 1224-31 -  , wurde eine Schuldunfähigkeit bei „thoren“ und „sinnelosen man“ postuliert.

Auch im „ersten deutschen Strafgesetzbuch“, der „Constitutio Criminalis Carolina“, der Peinlichen Gerichtsordnung Kaiser Karls V. von 1532, finden wir den Ausschluss von Strafe bei festgestellter Geisteskrankheit. Es sollte derjenige straffrei bleiben, „der wissentlich seyner Sinne nit hätt“. Diese Verfahrensbestimmungen der Carolina blieben dann im wesentlichen Grundlage der Strafverfahren bis ins 18. Jahrhundert hinein.

Die Maßregel selbst ist aber eine Geburt des vorigen Jahrhunderts. Noch am Anfang desselben wurde in juristischen Kreisen die Lücke bemängelt, dass unzurechnungsfähige psychisch Kranke gemäß § 51 RStGB freigesprochen wurden, ohne dass das Strafgericht eine Form der Behandlung oder der weiteren Aufsicht anordnen konnte, selbst wenn zu befürchten war, dass es zu erneuten Taten kommen könnte. Erst nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten trat am 1. Januar 1934 mit dem „Gesetz gegen gefährliche Gewohnheitsverbrecher und über Maßregeln der Sicherung und Besserung“ hierzulande das Maßregelrecht erstmalig in Kraft. Im Rahmen der 2. Strafrechtsreform 1975 wurde das Maßregelrecht auch in die neue Strafgesetzgebung übernommen, wobei jetzt an erster Stelle von der Besserung und dann der Sicherung gesprochen wurde.

Was ist die „Maßregel“?

Was ist nun unter dem Begriff „Maßregel“ zu verstehen? In besonderen Fällen kann das Gericht neben der eigentlichen Strafe im Urteil auch eine „Maßregel der Besserung und Sicherung“ aussprechen. Sie dient - anders als die eigentliche Strafe - nicht dem Ausgleich begangenen Unrechts, sondern der Vorbeugung durch Besserung des Täters oder der Sicherung der Allgemeinheit. Nach dem Grundsatz der Verhältnismäßigkeit darf die Maßregel nicht angeordnet werden, wenn sie zur Bedeutung der vom Täter begangenen und zu erwartenden Taten sowie zu dem Grad der von ihm ausgehenden Gefahr außer Verhältnis steht.

Im Einzelnen handelt es sich dabei um

                                                die Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus,

                                                die Unterbringung in einer Entziehungsanstalt,

                                                die Unterbringung in der Sicherungsverwahrung,

                                                die Führungsaufsicht,

                                                die Entziehung der Fahrerlaubnis

                                                das Berufsverbot.

Bevor wir uns im Weiteren mit der Maßregel einer Unterbringung in einer Entziehungsanstalt (§ 64 StGB) oder in einem psychiatrischen Krankenhaus (§ 63 StGB) befassen, möchte ich kurz erläutern, wie es überhaupt zur Aussprechung einer solchen Maßnahme kommt.

Der Weg in den Maßregelvollzug

An Hand der Abbildung (Abb. 1) möchte ich nun den Weg in die Maßregel erläutern. Fett hervorgehoben wurde dabei der Verfahrensverlauf, der uns hier besonders interessiert und weiter zur Behandlung in einer Entziehungsanstalt oder psychiatrischen Einrichtung des Maßregelvollzugs führt.


Textfeld: § 20 StGB?Schuldunfähigkeit wegen seelischer Störungen?Ohne Schuld handelt, wer bei Begehung der Tat wegen einer krankhaften seelischen Störung, wegen einer tiefgreifenden Bewusstseinsstörung oder wegen Schwachsinns oder einer schweren anderen seelischen Abartigkeit unfähig ist, das Unrecht der Tat einzusehen oder nach dieser Einsicht zu handeln.??§ 21 StGB?Verminderte Schuldfähigkeit?Ist die Fähigkeit des Täters, das Unrecht der Tat einzusehen oder nach dieser Einsicht zu handeln, aus einem der in § 20 bezeichneten Gründe bei Begehung der Tat erheblich vermindert, so kann die Strafe nach § 49 Abs.1gemildet werden. ??Abb. 3?
 

Wie wir bereits sehen konnten (Abb. 1), ist der Weg in die Unterbringung mit Paragraphen gepflastert. Der nächsten Abbildung (Abb. 3) können Sie den Wortlaut der beiden Paragraphen 20, 21 StGB entnehmen. 

Besonders ist hierbei zu beachten, dass es im deutschen Strafrecht die Möglichkeit gibt (in Fortschreibung der oben aufgezeigten geschichtlichen Tradition), seelisch Kranke oder Suchtkranke bei Schuldunfähigkeit freizusprechen - § 20 StGB - oder bei einer verminderten Schuldfähigkeit in Folge das Strafmaß zu reduzieren - § 21 StGB .

Weiterhin fällt Ihnen sicherlich auf, dass die Begrifflichkeiten des Strafgesetzbuches nicht der jetzt gängigen psychiatrischen Nomenklatur entsprechen. So verbirgt sich hinter einer „krankhaften seelischen Störung“ z.B. eine schizophrene Psychose,  einer „tiefgreifenden Bewusstseinsstörung“ z.B. ein psychogener Dämmerzustand, einem „Schwachsinn“ z.B. eine angeborene Intelligenzminderung und einer schweren anderen seelischen Abartigkeit z.B. eine Persönlichkeitsstörung.

Die Maßregel nach § 64 StGB oder § 63 StGB

Wird die Frage einer aufgehobenen oder verminderten Schuldfähigkeit gerichtlicherseits bejaht, stellt sich die Frage, ob die Voraussetzungen der §§ 63 oder 64 StGB erfüllt sind.

Den genauen Wortlaut der beiden Paragraphen des Strafgesetzbuches können Sie der Abbildung ( Abb. 4) entnehmen.

Textfeld: § 63 StGB?Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus?Hat jemand eine rechtswidrige Tat im Zustand der Schuldunfähigkeit (§ 20) oder der verminderten Schuldfähigkeit (§ 21) begangen, so ordnet das Gericht die Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus an, wenn die Gesamtwürdigung des Täters und seiner Tat ergibt, dass von ihm infolge seines Zustandes erhebliche rechtswidrige Taten zu erwarten sind und er deshalb für die Allgemeinheit gefährlich ist. ??§ 64 StGB?Unterbringung in einer Entziehungsanstalt?(1) Hat jemand den Hang, alkoholische Getränke oder andere berauschende Mittel im Übermaß zu sich zu nehmen, und wird er wegen einer rechtswidrigen Tat, die er im Rausch begangen hat oder die auf seinen Hang zurückgeht, verurteilt oder nur deshalb nicht verurteilt, weil seine Schuldunfähigkeit erwiesen oder nicht auszuschließen ist, so ordnet das Gericht die Unterbringung in einer Entziehungsanstalt an, wenn die Gefahr besteht, dass er infolge seines Hanges erhebliche rechtswidrige Taten begehen wird. ?(2) Die Anordnung unterbleibt, wenn eine Entziehungskur von vornherein aussichtslos erscheint. ?Abb. 4?? 


Ich gehe hier nicht auf Einzelheiten ein, aber zwei Unterschiede in den Paragraphen sind wichtig, da sie sich auch auf die Behandlung auswirken. Schon im erkennenden Verfahren wird festgelegt, ob eine Suchtbehandlung oder eine Behandlung in einem psychiatrischen Krankenhaus stattfinden soll.

Für die Betroffenen hat diese Unterscheidung einen zusätzlichen gravierenden Unterschied: Bei einer Einweisung nach § 64 StGB ist die Behandlung immer befristet und es besteht sogar die Möglichkeit, bei Erfolglosigkeit die Therapie abzubrechen.

Bei der Unterbringung nach § 63 StGB ist nur die Überprüfung der Maßregel nach einem Jahr regelhaft notwendig. Theoretisch kann die Unterbringung bei erfolgloser Therapie und gravierendem Einweisungsdelikt „lebenslang“ bedeuten. Unter Patienten wird dieser Paragraph daher auch gelegentlich mit abwertender Bezeichnung &#Gummiparagraph“ genannt.

Die Durchführung der Maßregel: Der Doppelauftrag

Im Folgenden werde ich besonders auf die Unterschiede und Besonderheiten einer Maßregelvollzugsbehandlung eingehen. Die einzelnen Behandlungsangebote einer forensischen Klinik unterscheiden sich im Prinzip nicht wesentlich von der Therapie seelisch kranker Menschen oder Abhängigkeitskranker unter ambulanten oder auch stationären Rahmenbedingungen der Allgemeinpsychiatrie.

Die Therapie im Maßregelvollzug steht jedoch immer im besonderen Spannungsfeld  von

Behandlung und Sicherheit,

und in ihrer konkreten Ausgestaltung findet sie in der Dreieckskonstellation

Patient – Behandlungsteam – Justiz

statt.

Wie schon der Einweisungsweg verdeutlich, ist nicht der Patient selbst der eigentliche Auftraggeber, sondern die Gesellschaft, vertreten durch Gesetzgebung und Justiz. Auch im weiteren Verlauf der Behandlung unter Maßregelvollzugsbedingungen wird weiterhin die Justiz den Weg des Patienten begleiten.

Bei Suchtpatienten findet mindestens halbjährlich, bei anderen psychisch Kranken nach einem Jahr eine richterliche Anhörung vor einer Strafvollstreckungskammer statt, in der darüber entscheiden wird, ob eine Entlassung erfolgen kann. Der Hintergrund hierfür besteht darin, dass der Unterbringungsanlass eine vom Kranken ausgehende Gefährdung der Allgemeinheit war, und das Gericht hat nun regelmäßig zu überprüfen, ob durch den Verlauf der Therapie hier möglicherweise eine wesentliche Änderung eingetreten ist, welche eine Entlassung in Freiheit, meist mit Auflagen verbunden, verantwortbar erscheinen lässt.

Wie oben erwähnt, steht das Behandlungsteam dabei zwischen Patient und Justiz und hat insofern zwei Auftraggeber, was im Besonderen bedeutet, dass die Schweigepflicht gegenüber der Justiz teilweise aufgehoben ist.

Andererseits ist es aber gerade für die erfolgreiche Therapie unter Maßregelvollzugsbedingungen äußerst wichtig, dass auch hier „geschützte Räumlichkeiten“ bestehen, in denen sich eine vertrauensvolle, therapeutische Beziehung entfalten kann.

Diese teilweise Offenheit gegenüber Dritten bildet leicht Nährboden für Misstrauen seitens der Patienten, da sie befürchten müssen, dass Vertrauliches weitergegeben wird. Es ist daher die Aufgabe des Behandlungsteams, auch unter den Bedingungen einer Maßregelvollzugsklinik durch Transparenz, Klarheit und Einbindung eines Patienten in die Therapieausgestaltung eine Atmosphäre zu schaffen, die eine therapeutische Beziehung ermöglicht.

Zusätzlich hat sich bewährt, dies wird zumindest im Nds. Landeskrankenhaus Moringen regelhaft versucht durchzuführen, dass der Patient im Verlauf seines Aufenthaltes einen konstanten Therapeuten erhält, der ihn unabhängig von den jeweiligen Stationen, auf denen sich der Patient befindet, längere Zeit begleitet. Dieser Therapeut ist nicht in die Entscheidungen oder Reglementierungen eingebunden, die z.B. im Rahmen des Zusammenlebens auf den Stationen alltäglich sind. Ein solcher abgesonderter Therapieort, ein „geschützter Raum“, wie ich es oben bezeichnete - hier ist nicht der Schutz der Allgemeinheit, sondern ausdrücklich der Schutz des Patienten vor unberechtigten Zugriffen auf vertraulich Geäußertes gemeint - ermöglicht häufig erst die Entwicklung einer therapeutischen Beziehung im engeren Sinne.

Aber noch ein anderer Aspekt ist für die Maßregelbehandlung charakteristisch: Die Patienten werden sämtlich zwangszugewiesen, d.h. sie erleben sich häufig nicht als „Patienten“, sondern eher als Strafgefangene oder gar Opfer des Justizverfahrens. Ohne ihr Strafverfahren und die damit einhergegangene Begutachtung hätte sich womöglich niemals in dem betreffenden Lebensabschnitt die Frage gestellt, ob sie einen Psychologen, Arzt oder Suchttherapeuten aufsuchen sollten.

Daher besteht ein wichtiger erster Schritt darin, den Menschen, die durch das vorangegangene Gerichtsverfahren erst zu Patienten wurden, dort zu begegnen, wo  sie selbst stehen, d. h. zu erarbeiten, in welcher Form ein Aufenthalt bzw. eine Behandlung unter Maßregelvollzugsbedingungen zum jetzigen Zeitpunkt für den Betroffenen Sinn machen kann. Denn auch unter Maßregelvollzugsbedingungen kann sich ein therapeutischer Prozess nur dann entwickeln, wenn der Patient selber für sich die Erkenntnis gewinnt, dass Veränderung bzw. Behandlung sinnvoll ist. 

Halbjährlich, dies ist vom Gesetzgeber vorgeschrieben, muss dann im Behandlungsteam unter Beteiligung des Patienten überprüft werden, inwieweit Veränderungen eingetreten sind, die es notwendig machen, die therapeutischen Rahmenbedingungen und Absprachen zu ändern. Diese Vorgehensweise gilt sowohl für Patienten, die nach § 63 StGB wie nach § 64 StGB untergebracht sind.

Ein weiterer sehr wichtiger Aspekt der Maßregelvollzugsbehandlung besteht darin, dass der Aufenthalt eines Menschen im Maßregelvollzug nicht Tage, Wochen, Monate, sondern regelhaft Jahre dauert. Insofern ist die Klinik nicht nur Behandlungs-, sondern auch Lebensort für den Patienten über eine absehbar lange Zeit. Dies macht es notwendig, dafür zu sorgen, dass negative Auswirkungen, wie sie allgemein unter dem Begriff des Hospitalismus gefasst werden, möglichst verhindert werden müssen.

Wichtig ist, dass gerade Menschen unter Maßregelvollzugsbedingungen soweit wie nur irgend möglich, ihre gesunden Fähigkeiten leben und entwickeln können.

Im Nds. LKH Moringen gibt es neben den eigentlichen Stationen mehrere Wohngruppen, in denen das gemeinsame Zusammenleben mit größtmöglicher Eigenverantwortlichkeit im alltäglichen Lebensvollzug ermöglicht werden kann. Unter solchen Bedingungen können vorhandene Fähigkeiten und Kompetenzen im menschlichen Zusammenleben wie auch bei der individuellen Selbstversorgung umgesetzt werden. Sie bieten ein fruchtbares Erprobungsfeld, um die durch eine Behandlung hinzugewonnenen Fähigkeiten einzuüben und zu stabilisieren. Es soll hier nicht verschwiegen werden, dass weit mehr solcher Angebote sinnvoll wären. Aber auch auf den vorhandenen Stationen wird versucht, soweit wie möglich den Klinikcharakter abzumildern und z.B. mit hauswirtschaftlicher Unterstützung  den Patienten Selbstversorgung zu ermöglichen.

Die besondere Form der Unterbringung und der langjährige Aufenthalt haben im Nds. LKH Moringen zur Einrichtung sogenannter „Besuchsappartments“ geführt.

Davon ausgehend, dass die Menschen, die im Maßregelvollzug längere Zeit untergebracht sind, in ihrem Freiheitsspielraum stark eingeschränkt werden, sind sie darauf angewiesen, dass Freunde, Verwandte usw. von sich aus den Kontakt aufrechterhalten. Neben der Verbindung über Telefon und Post ist hier vor allem die direkte, persönliche Begegnung wichtig. Daher gibt es neben den allgemeinen Besuchsräumlichkeiten zusätzlich noch besonders eingerichtete Appartments, die es gestatten, sich ohne Publikum zu begegnen, sich auszutauschen usw.

Wie im Zusammenhang mit den Wohngemeinschaften schon erwähnt, beinhalten auch diese Einrichtungen einen Doppelaspekt, nämlich Erhaltung und Förderung bestehender Beziehungen, sowie die Möglichkeit, neue Freundschaften, Beziehungen zeitweise unter „normalen“ Bedingungen zu leben, sich besser kennenzulernen usw.

Ein dritter und letzter Aspekt darf hier nicht verschwiegen werden: die Sexualität. Neben der pathologischen Sexualität, die häufig in Verbindung mit Maßregel gebracht wird, besteht das urmenschliche Bedürfnis nach körperlicher Intimität. Die erwähnten Besuchsappartments bieten die Möglichkeit, diese auf angemessene Weise zu leben.

In der Kürze der Zeit habe ich hier nur einige Punkte erwähnen können, die die Therapie im Maßregelvollzug betreffen. Einen Themenbereich möchte ich aber noch kurz anschneiden: die notwendige Vielfalt des therapeutischen Angebotes.

Eine Behandlung im Maßregelvollzug setzt ein multiprofessionelles Team voraus, das neben den klassischen Berufen der Krankenpflege, der Ärzte, der Psychologen, der Psychotherapeuten, zusätzlich noch Arbeits- und Beschäftigungstherapeuten, Sporttherapeuten, Pädagogen und Hauswirtschafterinnen, Sozialpädagogen und –arbeiter umfasst.

In diesem Zusammenhang seien zwei Beispiele erwähnt: Im Vergleich zu den allgemein-psychiatrischen Kliniken mit ihren immer kürzeren Verweildauern hat im forensischen Alltag die Arbeitstherapie mit diversen speziellen Angeboten einen gewichtigen Stellenwert und bildet für viele Patienten das Rückgrat ihrer täglichen Tagesstruktur.

Aber auch die hauseigene Schule im Nds. LKH Moringen betreut eine Vielzahl vor allen Dingen auch jugendliche Patienten. Von Kursen zur Alphabetisierung bis zum Realschulkurs wird alles angeboten.

Die Sicherung

Nun mag zu Recht gefragt werden, wo eigentlich der Sicherungsgedanke bleibt, denn schließlich handelt es sich um gefährliche, psychisch kranke Straftäter, die in einer forensisch psychiatrischen Einrichtung wie dem Nds. LKH Moringen untergebracht sind.

Ohne dass es extra thematisiert wurde, bin ich auch hier immer am vorgegebenen Leitgedanken entlanggegangen, denn der gesellschaftliche Auftrag an den Maßregelvollzug heißt: Durch Behandlung Sicherheit herzustellen. Das bedeutet aber im Konkreten auch, dass jeder Mitarbeiter im Behandlungsteam in Moringen diesen Aspekt der Behandlung und Sicherheit verkörpert und gleichzeitig umsetzt. Es hat sich bei der Behandlung unter Maßregelvollzugsbedingungen in Moringen bewährt, dass die Aufgaben Behandlung und Sicherung nicht getrennt durch verschiedene Dienste wahrgenommen werden. Ein möglicher Wunsch nach Trennung der beiden Aspekte entspringt sicherlich mehr dem Bedürfnis der Mitarbeiter, die entsprechend ihrer helfenden Profession die guten Ratgeber und Behandler sein möchten und sich weniger als Vollzugspersonal, d.h. als Wärter oder Schließer verstehen.

Der Wirklichkeit der Maßregel wie auch des Lebens außerhalb der Einrichtung, kommt es näher, wenn auch die Behandler verschiedene Rollen und Funktionen in sich vereinigen. Hier sei z.B. auf die Aufgaben und Rollen von Eltern verwiesen, die sie ihren Kindern gegenüber einnehmen müssen.

Neben dieser Sicherheit durch Beziehungsaufnahme, die sich aber häufig erst im Zuge einer längerfristigen Behandlung ausbildet, spielt sicherlich auch die bauliche Ausgestaltung eine Rolle. Aber auch bei der architektonischen Gestaltung und baulichen Durchführung sollte bedacht werden, welchen Einfluss und welche Rückwirkung martialisch präsentierte Sicherungsmaßnahmen auf die Innenwelt einer Einrichtung wie deren Umgebung haben. In meinen einführenden Worten habe ich auf die Neigung im Menschen hingewiesen, von Äußerlichkeiten auf das Innenleben zu schließen. Auch für Krankenhäuser, Anstalten gilt: Kleider machen Leute.

Daher wurde im Nds. LKH Moringen versucht, die notwendigen Sicherungsmaßnahmen so anzulegen und durchzuführen – Fenster ohne Gitter, Zäune eingebunden in landschaftsgärtnerische Ensembles –, dass eine unauffällige, aber kompromisslose bauliche Sicherheit entstand.

Diese eher theoretischen Ausführungen zu Wirkungen und Auswirkungen von Mauern, Gebäuden usw. kann man erfahren, wenn man z. B. einmal selbst durch eine Einrichtung wie das Nds. LKH Moringen geht.

Sehr treffend zusammengefasst hat Herr Dr. Martin Schott, ärztlicher Direktor des Nds. LKH Moringen, dies alles in seinem lesenswerten Aufsatz: &#Integrieren oder ausstoßen? Wie wirklich Sicherheit entsteht“:

 „Zusammenfassend bin ich überzeugt davon, dass

-  positive Beziehungen zu den Patienten

-  die therapeutische Arbeit

-  ein vielfältiges, gutes soziales Klima

-  vernünftige, akzeptable, bauliche und organisatorische Maßnahmen

Sicherheit gewährleisten. Nur so können Patienten, seien sie hoch gesichert oder schon gelockert, integriert werden und kann man mit ihnen zusammenleben.“ Diesen Feststellungen kann ich mich nur anschließen.

Abschließend möchte ich noch kurz einen letzten Punkt erwähnen. All dies, wovon ich nur ansatzweise gesprochen habe, kostet in seiner Umsetzung nicht wenig Geld. Reine Sicherung wäre sicherlich kostengünstiger zu erzielen, eine menschenwürdige, an den neusten wissenschaftlichen Erkenntnissen orientierte Behandlung auch von psychisch kranken Straftätern, wie sie das Maßregelvollzugesetzt fordert, ist dagegen nicht billig.

Der Prüfstein für die auch jetzt in den Medien wieder angefachte Debatte nach einer besseren Gesetzgebung mit mehr Sicherheit durch Therapie besteht darin, inwieweit die Gesellschaft tatsächlich bereit ist, die notwendigen finanziellen Aufwendungen bereitzustellen, und ebenso in der Beantwortung der Frage, die wir uns alle stellen müssen, ob wir nämlich bereit wären, solche Einrichtungen des Maßregelvollzugs auch in unserer direkten Nähe mit zu tolerieren. Wie für eine allgemeinpsychiatrische Behandlung sollte für eine Therapie unter Maßregelvollzugsbedingungen der Grundsatz sozialpsychiatrisch orientierter Gemeindenähe gelten. 

Ich befürchte aber, dass wir am Beginn des Jahrtausends leider am Anfang einer erneuten Ausgrenzung psychisch kranker Menschen stehen, wobei wir es uns nicht dadurch leichter machen können, dass wir jetzt nur noch auf das Böse in diesen Menschen schauen und leider dadurch vergessen, dass es sich hier vielfach um menschliche Schicksale und Tragödien handelt, die bei rechtzeitiger Intervention womöglich ungeschehen geblieben oder anders verlaufen wären. Wir dürfen daher nicht auf die längst erreichten Behandlungsmöglichkeiten verzichten, damit auch diese Menschen wieder einen Platz in unserer Gesellschaft finden.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit!