Psychose und Sucht - Tagesveranstaltung in Hannover 19.10.2002

Eindrücke aus dem Landeskrankenhaus Moringen
von Marlis Wiedemann, Angehörigenselbsthilfegruppe psychisch erkrankter Menschen, Braunschweig

Obwohl ich vor 3 Jahren schon einmal dort war, wäre ich beinahe wieder vorbeigefahren. Halb versteckt hinter Parkplatz- und Randbepflanzungen liegt das Landeskrankenhaus Moringen. Auf den ersten Blick sieht hier alles aus wie eine Berufsschule, Gesamtschule oder eine andere Bildungsstätte. Dieser Eindruck verschwand damals allerdings, als ich vor dem großen verschlossenen Tor stand und ich mich beim Pförtner anmelden musste.

Während ich nun auf eine fachkundige Begleitung warte, habe ich etwas Zeit, mich in der Runde umzusehen: Alte und neuere Gebäude ohne vergitterte Fenster beherrschen das Innere des Klinikgeländes. Die verschiedenen Baustile, hier ein roter Ziegelsteinbau, daneben sogar eine kleine Kirche, dann wieder verputzte Fassaden oder Flachbauten mit blauen Eingangstüren und Fenstern, fast parkähnlichen Verbindungswege, ein großer Bolzplatz, Tischtennisplatten, ein Grillplatz und ein Kleintiergehege machen auf mich den Eindruck einer kleinen hoch eingezäunten Ortschaft.

Meine freundliche Begleitung ist mittlerweile eingetroffen und ich bin sehr gespannt, ob ich jetzt einiges anders sehe oder wahrnehme, denn beim ersten Besuch war ich doch sehr aufgeregt. Da alle Klinikmitarbeiter in normaler Zivilkleidung herumlaufen und keineswegs mit dicken Muskeln bepackt sind, unterscheiden sie sich von den Patienten für mich nur äußerlich durch einen, an einem langen Lederriemen hängenden Zentralschlüssel. Bei der Führung der verschiedenen Häuser muss ich mich daran gewöhnen, dass immer erst eine Tür aufgeschlossen wird. Die Menschen im halboffenen Bereich schauen mich teils neugierig, teils abwehrend an. Obwohl ich mich im Stillen jedes Mal frage, was der eine oder andere wohl angestellt haben mag, habe ich im halboffenen Bereich so gut wie keine Angst.

In jeder Station werden etwa 15 Personen von 8 Mitarbeitern betreut. Die Flure und Zimmer sind hell und sehr individuell gestaltet. In den 3-4-Bett-Zimmern hat jeder seinen, durch Schränke und Regale abgetrennten kleinen Intimbereich.

Auf dem Wege zur Werkstatt kommen wir an dem kleinen Sportplatz vorbei, der an zwei Seiten durch hohe Mauern begrenzt wird. Einige junge Männer wollen dort Fußball spielen und bitten meine Begleitung, den zuvor über die Mauer geschossen Ball zurückzuholen. Nach kurzem Zögern wird eine Tür aufgeschlossen und schon stehe ich alleine am Rande des Sportplatzes. Es dauert nicht lange und der Ball fliegt von der anderen Seite der Mauer wieder aufs Spielfeld, alle Spieler jubeln, und schon war das Spiel wieder im Gange. Kurz darauf erscheint mein Begleiter wieder und mir fällt auf, dass ich während seiner Abwesenheit keine Angst fühlte.

Während der Führung durch den halboffenen Bereich, zu der auch eine geschützte Frauenstation gehört, sind meine Gedanken schon in der geschlossenen Abteilung. Meine Eindrücke vor 3 Jahren kann ich nicht vergessen und muss deswegen immer wieder an die ca. 3,50 m hohe Stahlschleuse denken.

Mein Begleiter schließt wieder eine Haustür auf, wir betreten den Flur und die Tür wird sofort wieder verschlossen. Er geht in einen kleinen Nebenraum um uns anzumelden. Ich vermute, dass dies der Überwachungsraum mit den Monitoren ist. In dem Augenblick war mir klar, dass wir jetzt im Hochsicherheitstrakt , also in der geschlossenen Abteilung sind. Im Flur und in den Gemeinschaftsräumen laufen einige Menschen unruhig auf und ab. Ein Patient kommt mit einem freundlichen Lächeln auf mich zu und erzählt mir, er würde jetzt für alle 15 Menschen dieser Station kochen.“ Lasagne“ antwortet er auf meine Frage, was er denn am liebsten koche.

Plötzlich schaut er mich mit großen Augen an, streckt mir beide Hände entgegen und meint: „Sehen Sie sich diese Hände an, wenn ich hier raus komme, haben Sie dann Arbeit für mich, ich koche doch so gerne.“ Er wendet sich an meinen Begleiter und fragt ihn, wann denn nun endlich seine Entlassung sei. „Das dauert noch eine Weile,“ erwidert dieser, „ Sie wissen doch, was bei dem letzten Ausgang passiert ist.“ Resigniert hebt er die Schultern und geht. Auf meine Bitte hin, er möge mir doch noch sein Zimmer zeigen, das er mit 4 anderen Patienten teilen muss, stimmt er freundlich zu. Mir fällt die einfache und überschaubare Ausstattung auf. Hier kann man alles sofort mit einem Blick erfassen.

Somit ist also eingetroffen, was ich immer gehofft hatte: Ich konnte einige Worte mit den Menschen wechseln, die hier leben müssen.

Wieder wird eine der ungezählten Türen auf- und wieder zugeschlossen. Ein kaltes Treppenhaus führt in die nächste Etage. In dem spärlich beleuchteten Flur stehen Patienten mit sehr ernsten Mienen. Wenige erwidern meinen Gruß. Eine beklemmende Stimmung! Die nächste Tür wird hinter mir verschlossen, da die Patienten unruhig werden und erregt durcheinander redend in unsere Richtung kommen. Ich bin froh, dass uns eine stabile Tür trennt. Mir fällt auf, dass mein Begleiter mit einem Mal sehr leise spricht. Wir stehen vor dem Ort, der mich bei meinem ersten Besuch am meisten beeindruckt oder besser gesagt, erschüttert hat, dem Wachschlafraum!

Durch eine lange Fensterfront kann ich in zwei Schlafräume blicken, die durch eine verglaste Kabine für das Wachpersonal getrennt sind. Hier wird also in insgesamt 16 Betten bei Beleuchtung und ständiger Beobachtung durch zwei Wachen geschlafen! Für eine Außenstehende wie mich, ein schier unvorstellbarer Gedanke!!! Ich kann mich nicht dagegen wehren, dass mir Szenen aus dem Film "Das Schweigen der Lämmer" durch den Kopf schießen. Wie schrecklich muss es sein, wenn dort einmal die Agressionen hoch kochen. So schnell können doch die Wachen gar nicht reagieren. Währen da nicht Einzelzimmer mit einer Nasszelle besser?

Der Anblick dieser menschenunwürdigen Schlafräume und die Vorstellung, dass dort psychisch kranke Menschen, solche mit Persönlichkeitsstörungen, Sexual- und Serienstraftäter gemeinsam untergebracht sind, macht mich sprachlos. Der Gedanke, eines unserer erkrankten Familienmitglieder begeht während einer Krise eine Straftat und müsste mit Sexual- und Serienstraftätern seine Zeit in einer Station gemeinsam verbringen, raubt mir den Atem. Bei allem Verständnis für Kürzungen und Platzmangel darf so etwas nicht sein!

Bevor wir diese bedrückende Station verlassen, kann ich noch einen Blick in die „Austobezelle“ werfen. Die stickige Luft dort zwingt mich zu einem sehr kurzen Einblick.

Wir treten nun wieder aus dem Gebäude, steuern auf die graue Stahlschleuse zu, die mich bei meinem ersten Besuch so sehr beeindruckt hatte. Die Tür wird geöffnet und zu meinem Erstaunen ist die zweite Stahltür durch ein geschwungenes Gittertor ersetzt worden.

Durch den halboffenen Bereich gelangen wir zur letzten Station der Führung. Bei einem kurzen Rundgang durch den Freizeit- und Cafébereich, der auch eine kleine Bücherei beinhaltet, zeigt mir mein Begleiter auch ein kleines Hallenschwimmbecken, das weniger von den Patienten, dafür gerne von Schulen und Kindergärten genutzt wird.

Während wir uns an der Pförtnerloge verabschieden, wartet gerade eine fröhlich lärmende Schulklasse mit Lehrerin auf Einlass. Auch eine Art des miteinander Umgehens.

Abschluss
Da der Maßregelvollzug nun wirklich keine Lobby hat, ist es auch ein Thema in meiner Gruppe. Es hat sehr lange gedauert, bis sich Angehörige mir gegenüber geoutet haben. Als ich neulich in der Gruppe fragte, ob jemand mit nach Moringen kommen möchte, kamen scheue Antworten, dass sie Angst hätten und ich doch lieber erst einmal alleine fahren sollte. Jetzt kann ich Ihnen sagen, nachdem ich von meinen Eindrücken berichtet hatte, war ein Teil der Gruppe interessiert, doch einmal eine Führung im Landeskrankenhaus Moringen mitzumachen.