Tagesveranstaltung der AANB am 19.10.2002 in Hannover

Psychiatrischer Notfall - Erfahrungen aus dem Wochenendkrisendienst der Region Hannover
von Barbara Michaelis-Aßmann

Sehr geehrte Damen,
sehr geehrte Herren,

Vorab möchte ich Sie kurz mit zusammengefassten Daten des Psychosozialen/Psychiatrischen Krisendienstes der Region Hannover vertraut machen, die dem 5. Bericht über die Arbeit vom 1.8.2000 bis zum 31.7.2001 entnommen sind.

Der Steg e.V., die Selbsthilfegruppe Psychiatrieerfahrener und ihrer Angehörigen in Barsinghausen, sowie der Landkreis Hannover und die Landeshauptstadt Hannover haben mit Vertrag vom 5.6.1997 die Durchführung eines psychosozialen/psychiatrischen Krisendienstes an Wochenenden und Feiertagen im Landkreis und in der Stadt Hannover als Projekt für die Zeit vom 1.7.97 bis 31.12.98 vereinbart. Der Vertrag wurde 1998, 1999 und 2000 verlängert, und ab Januar 2001 wegen der grossen Inanspruchnahme auf Freitag von 15 bis 20 Uhr erweitert.

Seit dem 1.11.2001 ist die Region jetzt Vertragspartner der Seelhorst-Stiftung, Uferplatz 5 in 30890 Barsinghausen, die an die Stelle des bisherigen Trägers Der Steg e.V. getreten ist. Das zu betreuende Gebiet ist die Landeshauptstadt Hannover und die Region Hannover, was flächenmäßig etwa dem Saarland. entspricht.

Der Dienst findet freitags von 15 bis 20 Uhr, samstags, sonntags und feiertags von 12 bis 20 Uhr statt.

Jeweils 3 in der Psychiatrie erfahrene Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen bilden ein Team. Etwa 35 qualifizierte Mitarbeiter/-innen aus verschiedenen Institutionen der Region Hannover beteiligen sich an dem Dienst.

Dies hat den sehr positiven Effekt, dass die Vernetzung der psychosozialen und psychiatrischen Arbeit in der Region verbessert wird und der PPKD -so der Kurzname- inzwischen auch integraler Bestandteil des Sozialpsychiatrischen Verbundes der Region Hannover ist.

Die durchschnittliche Auslastung eines Dienstes hat sich bei 23.6% eingependelt, was einem Mittelwert von 12 Kontakten pro Diensttag entspricht. Der Kontakt wird zu fast 80 % von den Betroffenen selbst hergestellt, das heisst, dass der Betroffene selbst die Krise erkennt und selber in der Lage ist zu reagieren und sich selber Hilfe zu holen. So wird im Krisendienst auch „ Krise“ definiert, eine Krise ist eine Krise, wenn der Betroffene seine Angehörigen, Freunde oder andere sie für eine Krise halten.

Telefonische Kontakte liegen mit 87% an der Spitze. Einsätze vor Ort liegen mit 3% relativ niedrig. Das mag daran liegen, dass bei grösseren Einsätzen vor Ort z.B. mit Polizei und Notarzt der PPKD relativ selten noch zusätzlich hinzugezogen wird - wobei es durchaus Notärzte gibt, die nach einer Abklärung der Situation einen zusätzlichen Hausbesuch des PPKD erbitten.

Auf der anderen Seite besteht gerade bei seelisch erkrankten Menschen der Wunsch und der Wille die eigene Wohnung als Refugium zu wahren und vor dem Zutritt Dritter zu schützen, was uns öfters berichtet wird, besonders wenn dramatische Einweisungssituationen voraus gegangen sind.

Im letzten Berichtszeitraum konnten 24 Klienten sich zu einer freiwilligen Klinikbehandlung entscheiden. In etlichen Fällen konnte dies so gestaltet werden, dass Mitarbeiter des PPKD die Betroffenen persönlich in die Klinik begleiteten und auch beim Aufnahmegespräch dabei waren—besonders wenn sonst keine Angehörigen oder Freunde vor Ort sein konnten. In 6 Fällen war eine zwangsweise Unterbringung notwendig.

Dies verdeutlicht, dass die persönliche Abklärung der Krisensituation durch kompetente MitarbeiterInnen offensichtlich zu einer humaneren Umgangsweise in Notfallsituationen führt und Zwangsmassnahmen vermieden werden können.

Der Anteil der um Hilfe fragenden Frauen liegt bei58 %, der der Männer bei 42%, was erstaunlich hoch ist, da sich Frauen eher an Hilfsdienste wenden. Die Verteilung liegt bei 61% Bewohnern der Landeshauptstadt Hannover, 37% des ehemaligen Landkreises Hannover und 2% von ausserhalb des Einzugbereiches.

Die Ausstattung des Krisendienstes
Erstmalig haben wir seit Herbst letzten Jahres eigene Räumlichkeiten, die nicht mit anderen zusammen genutzt werden müssen, im Gebäude der Region. Wir verfügen über 3 Räume und 3 Telefonanschlüsse, so dass das Nottelefon in der Regel frei gehalten werden kann. Die Dienststelle liegt so zentral, dass auch Ortsfremde wenig Mühe haben sie zu finden, sei es mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder mit dem eigenen PKW.

Die Besetzung mit 3 erfahrenen Mitarbeitern der unterschiedlichsten Institutionen erscheint allen Mitarbeitern als optimal. Im Notfall können 2 Mitarbeiter mit dem Dienst-PKW vor Ort fahren, während einer „die Stellung“ in den Diensträumen hält und der Dienst weiterhin besetzt ist. Ausserdem werden 3 Personen schon als richtiges Team erlebt, wobei das unterschiedliches Wissen und Erfahrung genutzt werden können, was besonders auch die Einleitung und Fortführung der Hilfsmöglichkeiten über den Dienst hinaus ermöglicht. Dazu gehören z. B. Anbindung an den zuständigen SPD (Sozialpsychiatrischer Dienst), Mitteilung wichtiger Telefonnummern, Informationen über Hilfsangebote, Kliniken, ambulante Dienste, Selbsthilfegruppen, Angebote für Betroffene und Angehörige. Teamentscheidungen können getroffen werden.

Wie verläuft ein typischer Krisendienst
Was ist absehbar? - Letztlich nichts! - Nicht einmal wer zusammen Dienst hat
Da die Dienstpläne 4 Monate im Voraus erstellt werden, ergeben sich zwangsläufig Probleme bei der Planung. Meistens funktioniert es. Aber manchmal auch nicht. Ich selber erlebte es – jemand hatte mit mir getauscht - es wurde wieder getauscht und ich erschien nicht zum Dienst. Die besorgten Kollegen suchten mich, und noch Tage danach wurde ich in der Nachbarschaft freudig begrüsst, dass ich wieder da war „es hätten sich 2 so nette junge Leute solch grosse Sorgen um mich gemacht, weil ich nicht zum Dienst erschienen wäre. (Im Nachhinein fiel auch den Kollegen wieder ein, dass ich mir das Wochenende zu einem 91. Geburtstag freigenommen hatte.)

Manchmal klingelt das Telefon schon Punkt 12 oder 15 Uhr, und es kommt ein Notfall nach dem anderen herein, manchmal scheint das Telefon verstummt und wir rufen von anderen Apparaten an um sicher zu sein, dass keine Störung vorliegt. Es scheint Tage zu geben, an denen anscheinend nichts passiert. Aber selbst an diesen Tagen kommt man im Dienst nicht dazu, das mitgebrachte Buch zu lesen oder den Strumpf zu stricken - man will ja doch arbeiten oder einfach „ganz da sein“. Auch die hohen Feiertage verlaufen ganz friedlich. Von diesen Ausnamen abgesehen sind im Durchschnitt 12 Kontakte zu bearbeiten, es können aber auch 25 oder mehr sein.

Da sind die Klienten, die in Zeiten, in denen es ihnen schlechter geht, häufiger anrufen. Da wird das Gespräch gesucht und Zuwendung im zwischenmenschlichen Bereich. Das wissen darum, dass da Irgendjemand ist, den man vielleicht aus ähnlichen Situationen kennt, hilft dann über schwierige Tage, der Angst wieder zu erkranken, dem Gefühl der Machtlosigkeit und der Verlassenheit hinweg. Häufig ist die Zunahme dieser Kontakte ein Indiz dafür, dass eine Verschlechterung stattfindet, die dann - ganz direkt angesprochen - zu einer Lösung führen kann, z.B den Therapeuten notfallmäßig am nächsten Werktag aufzusuchen, b.z.w. die verordnete Notfallmedikation einzunehmen.

Ganz anders liegen die Fälle, bei denen es z. B. um akute Suizidalität geht und sofort gehandelt werden muss.
Dabei muss geklärt werden, ob wir rechtzeitig vor Ort sein können, und wie die Situation vor Ort ist. Z. B. Ehefrau hat sich vom Mann getrennt, fürchtet Suicid des Mannes, weiß aber die Adressse nicht genau, will wegen der Stellung des Mannes weder Polizei noch Psychiater einschalten. Die Kollegen fahren vor Ort, finden den Suizidalen und begleiten ihn persönlich in die Klinik.

Eine dem PPKD bekannte Patientin kündigt ihren Suizid auf dem Hauptbahnhof an, hat Tabletten und Alkohol in grossen Mengen zu sich genommen. Abgabe des Falles an die Bahnpolizei, die sich im Bereich ihrer Zuständigkeit viel besser auskennt. Bleiben aber im engen Kontakt, über die Dienstzeit hinaus, bis die Klientin in einer Allgemeinklinik versorgt wird, da die zuständige Psychiatrische Klinik die Patientin nicht schon wieder aufnehmen will.

Ein junger Mann droht wenige Minuten vor 20 Uhr seiner Mutter seinen endgültigen Suizid an, den er um 20 Uhr begehen wird. Da der Einsatzort am anderen Ende der Stadt liegt, bleibt uns nur die Koordination von Polizei und Psychiatrischem Notdienst übrig, was auch gut funktioniert, da wir direkt den diensthabenden Psychiater erreichen können, der auch sofort bereit ist zu diesem Notfall zu fahren.

Ganz anders sind die Lebenskrisen.
Ein Lebensgefährte hatte seinem Freund seine Aidserkrankung verschwiegen und diesen Freund angesteckt. Wir haben vom PPKD diesen Freund über das Wochenende hin anonym begleitet, am Montag erwartete er das Ergebnis seines Tests. Das Ergebnis war positiv, er konnte jedoch unmittelbar von der Aidsberatungsstelle zur Beratung übernommen werden.

Ein junger Vater rief uns an. Er war kürzlich aus einem anderen Bundesland nach Niedersachsen verzogen, hatte noch keine Freunde hier, seine Mutter war vor 4Wochen verstorben, Seine Ehefrau war in der vorausgegangenen Nacht wegen einer Schwangerschaftspsychose unter dramatischen Bedingungen in die Klinik gekommen, er selbst war mit einem Kleinkind von 2 Jahren und einem Neugeborenem von wenigen Tagen völlig überfordert.

Obwohl der junge Vater nicht in unserem Versorgungsbereich lebt, gelingt es uns in kürzester Zeit - mit Hilfe der Rettungsleitstellen - ihm Hilfe zukommen zu lassen. Der Klient bedankt sich mehrfach, besonders, da er völlig neu zugezogen und dementsprechend uninformiert und hilflos war, da weder Familie noch Freunde in der Nähe waren.

Ein Mann erkrankt erstmalig an einer akuten Psychose, kann bei Freunden bleiben und übernachten - kann gleich am nächsten Tag Hilfe in der zuständigen sozial-psychiatrischen Beratungsstelle bekommen, was eine Klinikeinweisung verhindert.

Im Krisendienst fallen erstaunlich viele Angehörigenberatungen an. Vielleicht liegt es an der Zeit der Wochenenden. Viele Fragen gibt es bezüglich Psychosen, Alkoholismus, Demenz etc, ...Häufig handelt es sich sogar um Erstkontakte.

Bei der Frage um eine Klinikeinweisung findet die Klärung in der Regel vor Ort statt. Meistens ist eine freiwillige Aufnahme zu erreichen. Eine persönliche Begleitung in die Klinik erleichtert diesen Schritt häufig.

Die Zusammenarbeit mit anderen Instanzen ist in der Regel problemlos.

Die Weiterleitung der Notfälle erfolgt durch die damit befassten Mitarbeiter am nächsten Werktag, zumeist an den zuständigen Sozialpsychiatrischen Dienst.

An dieser Stelle möchten wir uns - als Mitarbeiter - bei der Seelhorst-Stiftung für die Ausgestaltung unserer Diensträume bedanken.