Tagesveranstaltung in Oldenburg am 17.08.2002

Erfahrungen zum Thema "Doppeldiagnose: Psychose und Sucht"

Heidi Lindner

Das Thema interessiert mich besonders, da mein Mann schon seit 1969 davon betroffen ist, 8 Jahre bevor ich ihn kennenlernte, und als man von dieser gezielten Problematik in der Psychiatrie eigentlich noch gar nicht sprach.

Die Problematik belastet mich doppelt stark, da ich seit 1959 selbst an einer schweren chronischen Schizophrenie litt, die zwischenzeitlich von gesunden Phasen unterbrochen wurde und die ich seit etwa 2 ½ Jahren durch ein neues Medikament und durch intensive selbstanalytische Arbeit ganz gut in den Griff bekommen habe. Ich weiß allerdings nie, ob es Rückfälle geben wird.

Ich habe meinen Mann 1977 in der Psychiatrie der Medizinischen Hochschule Hannover kennengelernt, wo wir beide stationär behandelt wurden. Wir waren beide bis dahin unverheiratet und sehr einsam. Ich war damals 39 Jahre alt, mein Mann 33 Jahre.

Als ich merkte, dass er trinkt, hatte mich schon in ihn verliebt und wollte ihn nicht mehr verlieren. Ich hatte gehofft, durch meinen Einfluß und meine Liebe könnte ich ihn vom Trinken abbringen, aber das war ein Trugschluß. Ich sah darin später oft ein persönliches Versagen von mir und Grund für Minderwertigkeitsgefühle. Das gab Anlaß für viele Spannungen. Sein Trinken war für mich ganz schrecklich. Ich selbst hatte nie ein Alkoholproblem gehabt und kannte auch in meiner Umgebung keine betrunkenen Menschen. Ich schimpfte und nörgelte viel mit ihm, was das Problem noch schlimmer machte, weil er sich unverstanden fühlte.

Trotzdem hatte ich von Anfang an die unerschütterliche Absicht, zu ihm zu halten, weil ich spürte, dass er mich liebt und dass er mich braucht.

Ich war 1977, ungefähr zu der Zeit unseres Kennenlernens Frührentnerin geworden. Bis dahin war ich mit vielen krankheitsbedingten Unterbrechungen als Grundschullehrerin tätig gewesen.

Nach den schweren, leidvollen Erfahrungen meiner Schizophrenie war ich dankbar, noch einmal eine sinnvolle Aufgabe gefunden zu haben und ganz für einen Menschen da sein zu dürfen.

Mein Mann leidet auch an einer Psychose. Er hat akustische Halluzinationen, hört „Stimmen“, hat manchmal Wahnideen, Verfolgungswahn, fühlt sich von magnetischen Strahlen beeinflußt oder in politische Machenschaften verwickelt. All das ist nicht immer akut, sondern nur manchmal.

Die psychotischen Phasen verlaufen nicht so dramatisch wie bei mir. Er mußte deswegen längst nicht so oft stationär behandelt werden wie ich. Die akustischen Halluzinationen mit den „Stimmen“ hat er allerdings sehr häufig, und er leidet sehr darunter. Er nimmt dann Medikamente ein, die ihn sehr müde machen, so dass er im Bett liegen bleibt und nicht aufstehen kann. Unsere Lebensqualität leidet sehr darunter, weil wir dadurch auf vieles verzichten müssen, was wir uns vorgenommen hatten.

Wie gesagt, ist mein Mann auch Alkoholiker. Es ist nicht so, dass er täglich seinen Alkoholpegel braucht, sondern er ist Gelegenheitstrinker, manchmal sehr heftig, manchmal weniger stark. Wegen seinem Alkoholismus mußte er sich noch nie in Behandlung begeben, weil er nie seine persönliche Schmerzgrenze erreicht hat, und weil er auch nicht besonders auffällig geworden ist.

Manchmal lief er allerdings nur in Unterwäsche laut schimpfend, schreiend und gestikulierend durch unser einsames Wochenendgebiet am Waldrand, aber die Nachbarn tolerierten ihn, weil er gutmütig ist und oft versucht hat, sich die Freundschaft der Dorfbewohner durch großzügige „Runden“ in der Dorfkneipe oder bei Dorffesten zu gewinnen oder auch zu „erkaufen“. Erst allmählich mußte er durch Erfahrungen und viele Enttäuschungen lernen, dass nicht jeder ein Freund ist, der sich Freund nennt, oder der mal „Einen mit ihm trinkt“.

Für mich selbst war sein Trinken sehr bitter.

In den ersten Jahren unseres Zusammenseins kam er abends oft nicht nach Hause, wenn ich etwas Schönes gekocht hatte, er aber in verschiedenen Kneipen hängenblieb. Das Warten abends und nachts wurde oft zur Qual.

Wenn ich es nicht mehr aushalten konnte, war eine neuerliche Flucht in die Psychose programmiert.

Mein Mann wollte es nicht wahrhaben, dass er zum Teil der Auslöser war. Die Psychose hatte bei mir aber noch verschiedene andere Gründe. Er argumentierte, dass ich ja vor unserem Kennenlernen auch schon krank war, und dass er ja auch mit meiner Krankheit leben und fertig werden müsste, womit er ja auch irgendwie recht hatte.

Von 1998 bis 2001 hatte er ganz besonders viel Stress zu ertragen und schwierige und unangenehme Dinge zu bewältigen.

Seine Psychose verschlimmerte sich. Er musste aber nicht in stationäre klinische Behandlung, da ich ihn mit viel Liebe und Geduld zu Hause betreute.

Sein Alkoholismus eskalierte. Er trank dann ohne aufzuhören, ging an  den Wohnzimmerschrank, nahm Gläser heraus und warf sie gegen die Schrankwand. Bier- und Weinflaschen warf er auf den Boden, dass sie zerschellten. Er erbrach sich über Tisch, Teppich, Polstermöbel, seine Kleidung und sein Bett.

Am nächsten Tag sammelte ich auf Knien die Scherben auf und wischte das Erbrochene weg. Manchmal dachte, ich es geht über meine Kraft. Aber dann machte ich  ihm klar, dass ich dazu nicht mehr bereit sei, und er war zum Glück auch einsichtig. Er räumte nach Kräften selbst wieder auf und machte sauber, so gut, wie er es als Mann eben kann. Auch machte er kleine Wiedergutmachungsgeschenke, lud mich z. B. zum Essen ein.

Wenn seine Zunge vom Trinken gelockert war, führte ich jetzt nachts oft lange Gespräche mit ihm über die Hintergründe seiner Probleme. Manches blieb mir unklar, da es von psychotischen Vorstellungen überlagert war. Ich verstand ihn jetzt viel besser und hatte mehr Geduld mit ihm, wofür er sehr dankbar ist.

Er erklärte mir, das mit dem Trinken, wenn es ihn überfällt, ist wie eine Zwangsjacke. Er kann sich nicht dagegen wehren und kann dann einfach nicht aufhören.

            Er trinkt aus verschiedenen Gründen:

Weil es ihm schmeckt,

aus Geselligkeit,

aus Stress,

aus Frust über die halluzinatorischen „Stimmen“ seiner Psychose, und er trank aus Einsamkeit während meiner häufigen und langen Krankenhausaufenthalte und aus Kummer über das Leid, das meine Psychose über uns gebracht hatte, bis an den Rand meiner geistigen und physischen Existenz.

Ich muß mir immer wieder überlegen, wie ich Farbe und Vielfalt in unseren Alltag bringen kann. Mein Mann kann sich häufig schwer allein beschäftigen und braucht mich oft als Animateurin.

Er hat Hobbies: Er kocht sehr gut und gern, er angelt, er raucht, aber am liebsten in Gesellschaft und nicht allein.

Gehe ich allein für längere Zeit aus dem Haus, muss ich befürchten, dass er sich unter Umständen betrinkt.

Früher bin ich deshalb fast nie allein weggegangen. Jetzt bin ich emanzipierter und gehe auch manchmal meinen eigenen Interessen nach. Ich glaube, das gibt uns beiden mehr Selbstbewußtsein.

Mein Mann braucht viel unverbindliche Geselligkeit, er braucht klärende Gespräche, aber nicht ausschließlich Gespräche über Krankheiten, und er braucht sinnvolle Aufgaben, damit er für sein eigenes Leben Freude hat und lernt, verantwortungsbewußter mit Alkohol umzugehen.

In unserer einzigen Dorfkneipe hat er Hausverbot bekommen, weil er sich mit dem Wirt überworfen hat. Die Kneipenbesuche sind für viele Dorfbewohner die einzige Möglichkeit, Kontakte und Geselligkeit zu pflegen, Freizeit zu erleben und Neuigkeiten zu erfahren. Mein Mann war oft in der Kneipe und hat „Runden geworfen“.

Als Städter haben wir zum Dorf nie richtig dazugehört. Mein Mann hat aber immer die Sehnsucht gehabt, mit einer von den Dorfbewohnern zu sein. Zuerst habe ich ihn immer allein in die Kneipe gehen lassen. Später bin ich mitgegangen, um die Mentalität der Bauern kennenzulernen und meinen Mann besser zu verstehen. Für unsere gegenseitige Beziehung war das ganz gut.

Seit etwa 2 Jahren besuche ich mit meinem Mann eine Selbsthilfegruppe für psychisch Kranke mit Gesprächen, Frühstücks- und Kaffeetreff und kreativem Gestalten. Im Frühjahr habe ich eine eigene kleine Selbsthilfegruppe gegründet. Auch hier macht mein Mann mit. Er ist wegen seiner freien, fröhlichen Art zu berichten beliebt, und es macht ihm auch Spaß dort.

Etwas muß ich noch hinzufügen, was den Hang zum Trinken verschlimmert. Das ist die Verführung durch andere oder durch bestimmte Gelegenheiten. Mein Mann bewundert immer seine trinkfesten Kumpels und möchte es ihnen gleichtun, obwohl er selbst nicht viel verträgt. Trinkfestigkeit ist für ihn unbewußt ein Zeichen von Männlichkeit. Manchmal nimmt er sich vor, 36 Stunden durchzutrinken. Aber zum Glück schafft er das nicht. Meistens fängt er an, sich zu übergeben und geht dann todkrank ins Bett. Seltener überfällt ihn nach langem Trinken nur die Müdigkeit.

Seit 1987 ist mein Mann Frührentner. Bis dahin arbeitete er in einer großen Firma, in der nicht nur seine Kollegen, sondern auch die Vorgesetzten sehr viel tranken. Jeder Geburtstag, jedes Jubiläum wurde groß gefeiert.

Nach Dienstschluß zog ein Großteil der Belegschaft von Kneipe zu Kneipe weiter. Im Oktober waren 14 Geburtstage, und jedesmal kam mein Mann erst nach Mitternacht betrunken nach Hause.

Es wurde erst besser, als in der Kantine der Firma kein Alkohol mehr verkauft werden durfte und für die Arbeitszeit Alkoholverbot ausgesprochen wurde.

Auch dann fand mein Mann noch öfter Gelegenheit unterwegs irgendwo hängen zu bleiben.

Er sieht sich selbst als Alkoholiker, aber nicht als ganz schweren Fall, sondern als Gelegenheitstrinker.

Er würde nie einer Entzugstherapie zustimmen, was ich auch nicht von ihm erwarte. Ich würde mir aber wünschen, dass er lernt, vorsichtiger mit Alkohol umzugehen.

Seine Aggressionsatacken mit den zerschlagenen Gläsern und Flaschen hat er aufgegeben.

Ich würde mir für ihn eine ambulante Therapie mit analytischen Gesprächen zur Klärung seiner psychischen Probleme wünschen. Parallel dazu würde ich mir eine Therapie wünschen mit Möglichkeiten zu kreativem Gestalten und Vermitteln von handwerklichen Fähigkeiten. Ich weiß aber nicht, ob es irgendwo Ansätze für solche ambulante Therapien gibt. Sie wären für viele Betroffene eine Alternative zu klinisch-stationären Aufenthalten und wären für Krankenkassen und für den Staat weit weniger kostenaufwändig, als wenn sie für lange Krankheitsausfälle zahlen müßten. Mancher Betroffene könnte durch eine solche Therapie vielleicht wieder zu einem ausgefüllten glücklichen Leben zurückgeführt werden.

            Vielleicht könnte der eine oder andere in diesem Kreis einen solchen Vorschlag aufgreifen und dafür werben.

Es wird vielleicht jemand fragen, wie ich mit der Doppelbelastung durch meine eigene Krankheit und die Krankheit meines Mannes fertig werde.

Ich habe geistige Interessen und habe mir eine soziale Aufgabe gesucht, meine eigene Selbsthilfegruppe, die mir viel Kraft und Halt geben.

Seit 2 ½ Jahren arbeite ich an meinem 2. Buch: „Psychose als Lebenskrise und deren Bewältigung“.

Mein 1. Buch „Viele Tode stirbt der Mensch“ ist 1994 im Van Hoddis Verlag in Gütersloh erschienen. 1000 Exemplare wurden verkauft, es ist vergriffen. Eine kleine Auflage wurde jetzt nachgedruckt. Ich habe ein paar Exemplare mitgebracht und biete sie nachher zum Preis von 5 Euro zum Verkauf an.

Seit einigen Monaten habe ich mir eine tägliche kleine Meditation gegen Stress und Überforderung zur Gewohnheit gemacht.

Vor dem Frühstück nehme ich mir etwa 10 Minuten Zeit zur Sammlung und zur Besinnung auf den Tag. Ich halte mir dann vor Augen, was mir schon an schönen Dingen im Leben geschenkt wurde und worauf ich mich an diesem Tag freuen kann. Ich beobachte sehr viel die Natur und erfreue mich an all ihren Schönheiten. So habe ich gelernt, mit dem Leid fertig zu werden, das oft über dem Leben von meinem Mann und mir lag.